Wozu brauchen wir eigentlich einen Staat?

Auch wenn ich nicht mit allen getätigten Aussagen in der folgenden Abhandlung übereinstimme, so ist sie doch ein gut gelungener Denkanstoß. Den Link zur Vollversion hier:

Michael von Prollius*

[…]

  1. über die Aufgaben des Staates für die Freiheit sprechen

und

  1. eine Anregung geben zur Bewältigung der praktischen Herausforderungen, vor denen Liberale stehen, wenn wir mit unseren Erkenntnissen und Prinzipien die Welt verbessern wollen.

Aufgaben des Staats für die Freiheit

Die Aufgaben, die sich dem Liberalismus heute stellen, sind andere als die in der Frühen Neuzeit, nämlich dem Kapitalismus eine Bahn zu brechen und den Absolutismus zu beenden, und es sind andere als zur Zeit des Neoliberalismus, als es galt den Sozialismus zu bekämpfen.

Heute ist der Westen nicht auf dem Weg in den Sozialismus, aber eine dunkle Bedrohung ist nicht zu übersehen: die Verstaatlichung von Wirtschaft und Gesellschaft durch eine ausufernde Bürokratisierung. Die vielleicht vordringlichste Aufgabe der Liberalen besteht darin, den Trend zur Vergesellschaftung von Einkommen und zur Regulierung aller Lebensbereiche zunächst zu stoppen.

Das Gegenmodell zum maximalen Staat ist der Minimalstaat, der Aufgaben der res publica erfüllt. Es gilt vor allem aber darum, die Liebe zur Freiheit neu zu entfachen und liberale Leidenschaft und Exzellenz zu verstetigen.

Nach liberaler Auffassung besteht die Aufgabe des Staatsapparates

einzig und allein darin, die Sicherheit des Lebens und der Gesundheit, der Freiheit und des Sondereigentums gegen gewaltsame Angriffe zu gewährleisten.

Alles, was darüber hinausgeht, ist von Übel.

Eine Regierung, die, statt ihre Aufgabe zu erfüllen, darauf ausgehen wollte, selbst das Leben und die Gesundheit, die Freiheit und das Eigentum anzutasten, wäre natürlich ganz schlecht.“

konstatierte Ludwig von Mises 1927 in seiner Monographie „Liberalismus“.

Nun ist der Liberalismus eine Lehre über den Zusammenhang gesellschaftlicher Dinge. Liberale zielen mit ihren Bemühungen auf die Vermehrung der Handlungsmöglichkeiten ihrer Mitmenschen.

Kooperation oder Freiheit zur Kooperation lautet das Stichwort.

Henry Hazlitt hat in „Foundations of Morality“ eine Moralphilosophie formuliert, die den Utilitarismus als Regel-Utilitarismus fortentwickelt und von ihm als Kooperatismus bezeichnet wird.

Kernprinzipien des klassischen Liberalismus

Dementsprechend gehören zu den Kernprinzipien des klassischen Liberalismus

  • eine freie Marktwirtschaft,
  • ein Minimalstaat sowie
  • ein starker, durch Rechte geschützter und durch Eigentum fundierter Privatbereich.

Der Staat spielt hierbei eine wichtige und ambivalente Rolle.

Mit der Kurzformel von Richard A. Epstein ruht jede freie Gesellschaft auf drei Säulen:

  • Privateigentum,
  • Herrschaft des Rechts und
  • öffentliche Verwaltung/ Regierung.

Mit anderen Worten benötigten wir Freiheitsfreunde den Staat, um das Ziel – eine freie Gesellschaft – zu erreichen.

Noch einmal: Wir Freiheitsfreunde brauchen den Staat, um die Welt freier zu machen! Der Staat der Freiheit schützt den Einzelnen ohne selbst übergriffig zu werden. Die Menschen werden keiner heteronomen Moral unterworfen, stattdessen wird das Recht der Freiheit durchgesetzt.

Staatliche Aufgaben lassen sich in vier Gruppen gliedern:

  1. Frieden oder die äußere Sicherheit gewährleisten
  2. Recht oder die innere Sicherheit gewährleisten
  3. Verwaltung der öffentlichen Güter oder die Bürokratie

Zudem derzeit praktiziert, aber weitgehend illiberal

  1. Gestaltende Eingriffe in Wirtschaft und Gesellschaft oder Interventionen.

Zum Aufgabenbereich Frieden oder äußere Sicherheit gehören Diplomatie und Außenpolitik, Sicherheits- und Verteidigungspolitik, internationales Recht und Verträge.

Zum Aufgabenbereich Recht oder innere Sicherheit gehören das Verfassungsrecht,  die Gesetze und die Gesetzgebung, die Gerichte, die Strafermittlungs- und -verfolgungsbehörden wie Verfassungsschutz, Staatsanwaltschaft, Polizei, Strafvollzug.

Der Aufgabenbereich Verwaltung öffentlicher Güter wird als Bürokratie bezeichnet (und birgt eigene Probleme). Zu den öffentlichen Gütern zählen alle freien und alle Güter in Allgemeinbesitz. Das sind geistige (wie die Gesetze oder die Sicherheit) und materielle Güter (wie Infrastruktur), die nicht auf einem Markt gehandelt werden, z.B. ein funktionierendes Rechtssystem, das Eigentum schützt und Streitfälle rasch und zuverlässig beilegt.

Offenkundig bestehen im Bereich der Bürokratie erhebliche Privatisierungsspielräume, die es für jedes Feld genauer zu untersuchen gilt (Ich habe das am Beispiel der Bildung an anderer Stelle getan).

Weithin akzeptierte Kernaufgaben wie die Sozialfürsorge und das Geld sind in klassisch-liberaler Perspektive keine legitimen staatlichen Aufgaben; das Recht ist nur eingeschränkt eine Staatsaufgabe. Das schließt indes nicht aus, dass der Staat durch Regelsetzung oder auf Gemeindeebene im Auftrag der Bürger tätig wird.

Als Entscheidungskriterien für eine Eindämmung und den anschließenden Rückbau des interventionistischen Staates zu einem Dienstleistungsstaat halte ich Rechtmäßigkeit und Zweckmäßigkeit staatlicher Tätigkeit für zentral.

Rechtmäßigkeit weil ein Staat auf Recht (und nicht Moral) gebaut sein muss und das Recht der Freiheit das Zusammenleben der Menschen verbessert;

Zweckmäßigkeit, weil es stets (auch) eine konkrete Frage der Nützlichkeit ist, das Leben zu verbessern, wenn der Staat respektive seine Angehörigen im eng begrenzten Auftrag der Bürger unter dem Recht der Freiheit handelt.

Staatszweck: mehr Freiheit ermöglichen

Wofür brauchen wir eigentlich den Staat? Um eine Freiheitsinfrastruktur zu errichten und zu sichern! Als eine Organisation, „die dem Menschen zu dienen hat und nicht umgekehrt“ wie es Fürst Hans-Adam II. formulierte. Freiheit ohne Sicherheit gibt es nicht (und umgekehrt), was erneut auf das Spannungsfeld oder die Sisyphos-Aufgabe hinweist.

Das übergeordnete und damit zeitlose Ziel ist weltweit der Rückbau des Staates und das Freisetzen privater Verantwortung und Initiative. Dementsprechend gilt: Der Staat hat allen Menschen gleichermaßen zu dienen (Gleichheitsprinzip). Privat hat Vorfahrt – alles, was der Einzelne selbst oder in Kooperation verrichten kann, bleibt eine private Tätigkeit (Subsidiaritätsprinzip). Alle staatlichen Tätigkeiten werden auf der Ebene, auf der die Aufgaben anfallen, verrichtet (Prinzip der Non-Zentralität und des Selbstbestimmungsrechts auf Gemeindeebene).

Damit gehen Forderungen einher:

  • das Verbot der Privilegierung einzelner Menschen und Gruppen
  • das Verbot umverteilender Eingriffe (wirtschaftspolitische Neutralität)
  • das Verbot ideologischer Vorgaben (gesellschaftspolitische Neutralität)
  • der Vorrang privater marktwirtschaftlicher Lösungen (Privatisierung)
  • der Vorrang des Erkundungs- und Entmachtungsprinzips (evolutionärer Weg, Wettbewerb)

Aufgaben

Das Ziel und Ideal liberaler Staatsvorstellungen drückt sich im Begriff des „Minimalstaates“ oder des „minimalinvasiven Staates“ aus (Defensive State, Hartmut Kliemt). Drei Säulen erscheinen für die Verwirklichung dieses Zieles heute gleichermaßen geeignet wie erforderlich:

  • der wirtschaftspolitische Rückbau des Staates (Marktwirtschaft) nicht zuletzt im Bereich Geld
  • die Verabschiedung einer liberalen Verfassung (Verfassung der Freiheit)
  • die weitgehende Privatisierung der Bildung und Kultur (Kultur der Freiheit).

Wir Liberalen und die Bürger brauchen im dritten Jahrtausend einen Staat der Freiheit, der eine Infrastruktur für die Freiheit der Bürger pflegt und dazu diejenigen Aufgaben übertragen bekommt, die nicht an Unternehmen vergeben werden können und sollen.

Herausforderungen

Zugleich wachsen mit den praktischen Anwendungen von Freiheitsprinzipien die Herausforderungen, diese in praktikable Konzepte und Maßnahmen zu übersetzen. Nur politisch präsentable Produkte haben überhaupt Chance auf Gehör. Drei Beispiele:

  • Soziale Sicherung: Wie ist es möglich, evolutionär, den demokratischen Wohlfahrtsstaat durch eine überwiegende oder vollständig private Fürsorge zu ersetzen, die erkennbar die Menschen besser stellt? Nur eine derartige Lösung wird Unterstützung finden. Chiles Pensionsreform respektive das Kapitaldeckungsverfahren weist bekanntlich einen Weg, aber nicht für Arbeitslosigkeit und Sozialfürsorge. Wir kommen wir dorthin und zur Selbstverantwortung auf Gemeindeebene?
  • Bildung: Ausschließlich private Bildung ist eine konsequent liberale Forderung. Sie wird auf beeindruckende Weise partiell in einigen Entwicklungsländern praktiziert, als überlegene Alternative zu staatlichen Angeboten („The beautiful tree“). An der Übertragbarkeit auf entwickelte Gesellschaft lassen sich jedoch Zweifel äußern – Stichwort Parallelgesellschaften.
  • Sicherheit und Migration: Liberale plädieren für offene Grenzen. In der heutigen Welt gelten jedoch wichtige Prinzipien nicht, die unverzichtbare Voraussetzungen darstellen; hinzu kommt, dass angesichts massenhafter Migration nicht allgemeine Prinzipien, sondern konkrete Maßnahmen gefordert sind.

Divergenzdilemma

Als wäre das nicht genug stehen wir Freiheitsfreunde vor einem Dilemma (nicht einmal unter dem Begriff „Liberale“ können wir uns versammeln). Statt Sisyphos beim Wälzen des Steins zu unterstützen, bildlich gesprochen: wie eine Traube um ihn herum am Stein zu drücken und zu schieben, rollt fast jeder Liberale seinen eigenen Stein. Ein amüsantes Bild, wenn man es sich ausmalt. Die liberale Divergenz schwächt unsere Wirksamkeit. Im Hinblick auf die Liberalen und ihr Staatsverständnis lassen sich kaum zu überwindende Hürde in den divergierenden Staatsverständnissen identifizieren, die die Lager von klassischen Liberalen, Neoliberalen, Ordoliberalen, Sozialliberalen und Scheinliberalen prägen. Namhafte als Liberale firmierende Autoren plädieren z.B. für Chancengleichheit, aber nicht für einen funktionierenden Liberalismus. In der parteipolitischen Sphäre gibt es kaum oder keine echten liberalen Persönlichkeiten geschweige denn Parteien. Um so wichtiger ist es, eine liberale Gegenwelt auf- und auszubauen.

Das führt mich zu meinem zweiten Punkt, der Anregung, die sich auf die praktische Aufgabe richtet, das Wälzen des einen Steins.

Denkanstoss für die Praxis: ein „liberaler Generalstab“

Die Geschichte ist voller Freiheitsinspirationen. Das gilt gerade für Beispiele, die unvermutet und überraschend erscheinen. So wird nunmehr von einer Organisation die Rede sein, die landläufig nicht als Inbegriff freiheitlicher Ideen gilt, die vielmehr das Gegenteil zu verkörpern scheint und überdies ein politisch unkorrektes Paradebeispiel ist. Die Rede ist vom deutschen Generalstab, von preußischen Generalen wie Scharnhorst, Gneisenau, Roon, Moltke, Seekt, Beck und Guderian. Bereits vorab möchte ich Sie auf zwei Errungenschaften des deutschen Generalstabs hinweisen, die für Freiheitsfreunde heute lehrreich sein dürften und die es nachfolgend mitzudenken gilt: 1. die Errichtung und Verstetigung einer lernenden Organisation, 2. die Ausbildung einer Elite, die zugleich als Multiplikator der besseren Ideen über mehr als ein Jahrhundert hinweg diente.

Entstehungsgeschichte

Nach der Niederlage gegen Napoleon in der Doppelschlacht bei Jena und Auerstädt 1806 trieb der Vorsitzende der Militärreorganisations-Kommission Oberst Gerhard von Scharnhorst die preußische Heeresreform voran. In ihrem Zentrum stand eine Institution, die sich als Garant militärischer Überlegenheit über mehr als ein Jahrhundert erweisen sollte. Der amerikanische Offizier und Militärhistoriker Trevor N. Dupuy urteilte in seiner zuweilen als legendär angesehenen Untersuchung „Der Genius des Krieges“:

Der deutsche Generalstab war in einem Maß, für das es in der Geschichte keine Parallele gibt, eine sich stets selbst erneuernde Institution, deren Leistungsfähigkeit eben nicht vom zufälligen Erscheinen großer Führerpersönlichkeiten abhing, weil sie, zusätzlich zu anderem, große Führer selbst hervorbrachte.

Ein Blick in die Entstehungsgeschichte zeigt, dass gebildete, überwiegend selbst gebildete Liberale, diese Institution ins Leben gerufen haben. Zuvorderst gebührt der Verdienst Scharnhorst, dessen Werk von Gneisenau fortgeführt und von Clausewitz theoretisch meisterhaft fundiert wurde, aber auch Generalstabschef von Grolman und Kriegsminister von Boyen waren maßgebliche Mitbegründer. Zugleich erfanden sie nicht etwas aus dem Nichts. Vielmehr knüpften sie an organisatorische Strukturen und militärische Erfahrungen an und verbanden diese zu einer einzigartigen Institution. Übrigens gelang die Jahrhundertreform einer kleinen, eher untergeordneten Gruppe von Offizieren gegen das Establishment.

Kernprinzip aus der Freiheitsperspektive

Das Kernprinzip, das durch den Generalstab institutionalisiert wurde, war die Verbindung von Freiheit und Verantwortung. Es stellte einen Bruch mit der militärischen Tradition dar, in der kurz gesagt Kadavergehorsam dominierte. Die Leitidee von Freiheit und Verantwortung wurde aus dem französischen Revolutionsheer übernommen, fortentwickelt und professionalisiert. Es lohnt sich die Gründungsidee etwas ausführlicher in ihrer institutionellen Bedeutung zu skizzieren – mit den Worten von Trevor H. Dupuy:

Zielgerichtetes, entschlossenes und klug gestaltendes Talent kann wahrscheinlich aus allen Männern ein leistungsfähiges Heer schaffen. … Aber die großartige Armee einer bestimmten Generation kann nicht in eine feste Form eingefroren werden und in einer folgenden Generation ebenso großartig sein, sogar wenn sie in jeder Einzelheit dem Vorbild treu bleibt. Das menschliche Geschehen schreitet voran, und die Technik verändert Waffen sowie Ausrüstung. Mithin müssen die Heere sich mit der Zeit ändern. … Aber ein Genie der Kriegführung mit einem Heer, das ein gestaltendes Genie geschaffen hat, ist unbesiegbar – das zeigten Alexander, Caesar, Gustav Adolf und, vor kurzem Friedrich der Große und Napoleon.

Mithin entschieden Scharnhorst und seine Gefolgsleute, dass Preußen ein System brauche, durch das – so weit wie menschlich möglich – das preußische Heer von einem gestaltenden Genie geschaffen und in die Schlacht von einem Genie der Kriegführung geführt werden würde.“

Realisierung durch Institutionalisierung

Sofort drängt sich die Frage auf, wie das in einer Welt unvollkommener Menschen realisiert werden kann. Die Antwort war bereits vor zwei Jahrhunderten dieselbe, die heute in der Formel zum Ausdruck kommt: Institutions matter! Die preußischen Reformer garantierten durch Institutionalisierung die militärische Höchstleistung. Sie legten den Grundstein dafür, das Genie zu sichern, indem sie eine Organisation errichteten und perfektionierten, die gezielt militärische Leistungsfähigkeit hervorbrachte und verstetigte – und zwar über alle Wechsel und Launen der Geschichte wie über die Kompetenz und Inkompetenz führender Personen hinweg.

Das scheint mir eine wahrhaft liberale Leistung zu sein. In den entscheidenden politischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Auseinandersetzungen um eine freie Gesellschaft bieten Liberale stets die besseren Institutionen als Lösung an, darunter eine Verfassung der Freiheit und die freie Marktwirtschaft. Es braucht an dieser Stelle nicht betont werden, dass der Sozialismus an seinen institutionellen Unzulänglichkeiten zugrunde ging und die einzigartige Wohlstandsentwicklung der Menschheit der Marktwirtschaft respektive dem Kapitalismus zu verdanken ist. Wurde indes jemals ein liberaler Genius institutionalisiert?

Die preußischen Reformer und die ihnen nachfolgenden Generationen von Generalstabschefs und Generalstabsoffizieren erreichten ihr Ziel mit einer Methode, die hier nur mit einer Reihe von Schlagworten angedeutet werden kann, darunter: Personalauswahl und Prüfung, spezialisierte Ausbildung, Nachdruck auf historische Studien, ferner Pflege der Initiative und Verantwortungsfreude sowie beruflich-taktische Vollkommenheit als Ziel, aber auch Objektivität bei der Lagebeurteilung und schließlich eine persönliche und institutionelle Weiterwirkung, die einer Hefe gleicht; heute würde man von lernender Organisation sprechen.

Verstetigung

Die Offiziere des Generalstabs bildeten die Elite des deutschen Heeres. Der Generalstab erwies sich als so erfolgreich, dass er nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 weltweit nachgeahmt wurde. Die deutschen Generalstäbler nahmen diese Internationalisierung wiederum zum Anlass, um Weiterentwicklungen in anderen Armeen sorgfältig zu prüfen und zu übernehmen, sobald sie als nützlich erachtet wurden. Tatsächlich waren die preußischen militärischen Triumphe Mitte des 19. Jahrhunderts das „unvermeidliche Ergebnis langdauernder preußischer militärischer Höchstleistung“, aber gerade nicht das Ergebnis zufällig erscheinender militärischer Genies. Selbst Helmut von Moltke (d. Ältere) war ein Produkt dieses Systems, ein kompetenter, brillanter Generalstabschef, aber ohne den Genius von Alexander, Friedrich oder Napoleon. Der Sieg gegen Frankreich 1870/71 galt aufgrund der überlegenen Stabs- und Organisationsarbeit sogar als „unvermeidbar“, die preußische Armee als „die beste Europas“, auch in der Bewertung des namhaften französischen Militärhistorikers Oberstleutnant Leonce Rousset, der nach dem Krieg urteilte: „Kluge Dezentralisation vertraute die Verantwortung für die Ausbildung der Soldaten deren unmittelbaren Vorgesetzten, den Unteroffizieren, den Leutnanten und den Hauptleuten an. So ermutigte ein durchdachter und fortschrittlicher Prozess eine Vollkommenheit, die nirgends sonst zu finden war. In dieser Hinsicht war die preußische Armee, man kann es nicht bestreiten, die beste in Europa und ihr Ausbildungsverfahren trug, auch mithilfe der deutschen Achtung vor der Autorität, ebenso viel zu den erstaunlichen Triumphen bei wie die bemerkenswerte Organisation.

Noch bedeutender als der Sieg gegen Frankreich war vielleicht die Verstetigung der Leistungsfähigkeit auf höchstem Niveau. Heute schneiden Unternehmen, die von Managern des Jahres zum Erfolg geführt wurden, im darauf folgenden Jahr regelmäßig schlecht ab. Mannschaften, die im Sport große Titel erringen, kämpfen regelmäßig mit einem sich unmittelbar anschließenden Leistungseinbruch. Zugleich gibt es Ausnahmeorganisationen in Wirtschaft und Sport, die sich über längere Zeit behaupten können. Das war beim deutschen Heer der Fall, ganz im Sinne der preußischen Reformer der napoleonischen Zeit. Um ein letztes Mal Dupuy zu zitieren: „Der neue Chef des Generalstabs Helmuth Johann Ludwig von Moltke erbte am 1. Januar 1906 das, was vielleicht das beste Heer war, das jemals geschaffen worden ist.“

Folgen für die Leistungsfähigkeit

Diese Leistungsfähigkeit hielt sich ungeachtet der schlussendlichen Niederlagen in beiden Weltkriegen noch fast ein halbes Jahrhundert. Systematische Auswertungen des Gefechtsfeldwerts deutscher Einheiten dokumentieren die Überlegenheit, die durchschnittlich bei 20 bis 30 Prozent lag. 100 deutsche Soldaten waren so kampfkräftig wie 120-130 französische, britische oder amerikanische Soldaten. Gegen Russland konnte das Verhältnis in der Verteidigung sogar 1 zu 6 betragen.

Bestätigt haben die zuvor genannten Forschungsergebnisse weitere Arbeiten, von denen zwei genannt seien: Der israelische Militärhistoriker Martin van Creveld hat in seiner wegweisenden Studie „Kampfkraft“ (besser: Gefechtsfeldwert) im Auftrag des amerikanischen Verteidigungsministeriums nach dem Vietnamkrieg die Gründe für die Überlegenheit der Wehrmacht herausgearbeitet, den Gefechtsfeldwert. Der deutsche Militärhistoriker Karl-Heinz Frieser hat in seiner beispielgebenden Studie des Frankreichfeldzugs von 1940 „Blitzkriegslegende“ die überragende Bedeutung von Freiheit und Verantwortung – militärisch formuliert: Auftragstaktik – aufgezeigt. Die Kommandeure an der Front sorgten für die Feldzug entscheidende Dynamik.

Übertragbarkeit

Naturgemäß war der deutsche Generalstab keineswegs frei von Unzulänglichkeiten; seine Mitglieder müssen sich Versäumnisse und sogar eklatante Fehleinschätzungen ankreiden lassen. Indes wurden militärisches Wissen und Fertigkeiten dezentralisiert, auf hunderte Köpfe verteilt und zugleich potenziert. Das wirft die naheliegende Frage auf, inwieweit sich ein derart institutionalisierter Erfolg auf nicht-militärische Bereiche übertragen lässt. Ohne diese Frage zu beantworten sei an dieser Stelle betont, dass es selbstverständlich nicht darum geht, eine liberale militärische Organisation zu schaffen. Der Blick auf den deutschen Generalstab erfolgte lediglich, weil dieser eine lernende Ausnahmeorganisation darstellte und weil einige Lehren hilfreich erscheinen angesichts einer unzureichenden Schlagkraft der Freiheitsfreunde trotz wachsender Zahlen liberaler Organisationen und Initiativen.

Abschließend seien aus der praktischen Arbeit des Generalstabs noch drei Aspekte erwähnt: Erstens die Erarbeitung eines Handbuchs des Generalstabs, das als kontinuierlich überarbeitetes Standardwerk wesentliches Wissen explizit machte, heute vielleicht ein Lehrbuch, an dem die Besten der Besten mitgewirkt haben. Zweitens regelmäßig durchgeführte Manöver und deren Auswertung, heute vielleicht Lessons learned. Drittens kriegsgeschichtliche Studien als wichtige Aufgabe und Quelle des Lernens, heute vielleicht Case Studies. Entscheidend dürfte das auf diesen Grundlagen erzielte, stetig durch Training angewandte implizite Wissen gewesen sein. Das Ergebnis: geistige und handwerkliche Meisterschaft. Erwähnt sei noch eine strategische Praxis: die „indirekte Strategie“ (Strategy of indirect approach), d.h. Manöver gegen die Flanken des Gegners als Schlüssel für bedeutende Siege.

Perspektivisches Fazit

Welche Lehren können Freiheitsfreunde aus diesen Ausführungen ziehen? Eine ganze Menge! In der Finanz- und Schuldenkrise wurde beklagt, dass Mises fehlte, der autoritativ Defizite, Versäumnisse und Fehler benannt, zugleich auf den Wert der besseren Ideen hingewiesen habe und als Fels in der etatistischen Brandung Liberale hinter sich versammeln konnte. Nun, Mises selbst soll geäußert haben, dass er sich lieber einen zweiten Hayek wünschte. Immerhin haben eine Reihe guter liberaler Kritiker wichtige Aufklärungsarbeit geleistet, zuvor mitunter sogar die Krise prognostiziert. Indes fehlte ein Genius, ist der liberale Genius nicht institutionalisiert. Überdies herrscht ein „erschreckender Mangel an qualifiziertem Personal“ (Fürst Hans-Adam II.) für den Staat der Freiheit.

Ich möchte das konzeptionell auf der Hand liegende weder ausbreiten noch überstrapazieren. Vielmehr möchte ich mich auf einen Denkanstoss beschränken. Resümierend lässt sich in allgemeiner Form in Erinnerung rufen:

  • Weitreichende Reformen wurden durch eine kleine Zahl kluger, liberaler Persönlichkeiten realisiert.
  • Eine institutionalisierte Eliteausbildung sorgte für einzigartige fachliche Qualität und Vernetzung, die wiederum den Erfolgsschlüssel für die beste militärische Organisation der Welt bildete.
  • Freiheitsprinzipien sind universal gültig, hier beispielsweise die dezentrale, unternehmerische Auftragstaktik.

Wozu brauchen wir eigentlich den Staat? Meine These: Um die Welt freier zu machen! Das mag sich noch immer widersprüchlich anhören, scheint mir aber nicht zuletzt ein strategisch geschickter Flankenangriff zu sein.

Wenn der Stein des Sisyphos ins Rollen gekommen ist, selbstverständlich bergauf, freue ich mich, und der Gedankenaustausch kann beim Essen beginnen.

 

* Längere Fassung der Dinner Speech gehalten am Vorabend der XII. Gottfried von Haberler Konferenz in Liechtenstein (19.05.2016).

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s