Sprachgebrauch – trocken, anregend, belustigend zum Ende

Ein sprachlich interessanter Absatz aus dem Artikel: „wie war das mit deinem Geld auf deinem Konto“, der es lohnt, von mir mit Messer und Gabel „seziert“ zu werden.

https://treueundehre.wordpress.com/2016/11/20/wie-war-das-mit-dem-geld-auf-deinem-konto/

.…Dieser Vertrag nennt sich ARBEITSVERTRAG. Selbst dieser Vertrag ist eine Täuschung, weil DU als ARBEITnehmer eingetragen bist und nicht als derjenige, der seine ARBEIT gibt. ….

Das ist also der interessante und nachdenkwürdige Satz, um den es geht.

Arbeitnehmer ist im allgemeinen Sprachgebrauch jemand, der eine angebotene Arbeitsgelegenheit annimmt.

Arbeitgeber jemand, der eine Arbeitsgelegenheit anbietet.

Man kann nun seinen Standpunkt verändern (immer gut!) und sagen:

Der Arbeitgeber ist ein Arbeitskraft-zur-Verfügungsteller und

der Arbeitnehmer ein Arbeitskraft-Annehmender.

Das hätte aber das damals empfundene Machtverhältnis nicht richtig wiedergegeben.

Und so  schreibt auch Wiki dazu ganz in diesem Sinne:

Der Begriff Arbeitnehmer ist nicht sofort einleuchtend, da im Arbeitsverhältnis der Beschäftigte seine Arbeit gegen Geldleistung (Lohn) zur Verfügung stellt. Der Arbeitnehmer gibt also eigentlich Arbeit, er nimmt den Lohn.  (Anm: der Begriff LOHNEMPFÄNGER hat sich nicht wirklich durchgesetzt, vielleicht, weil er zu wenig beschönigt?)

Der Ursprung des Begriffes leitet sich jedoch nicht aus dem Lohnarbeitsverhältnis, sondern von den Bezeichnungen „Dienstnehmer“ und „Dienstgeber“ ab, die im frühneuzeitlichen Österreich des 18ten Jahrhunderts die Beziehungen zwischen Herren und Dienstboten kennzeichneten: dem Herren zu dienen war eine Gnade, die dem Untergebenen gewährt wurde.

Mit der Entstehung kapitalistischer Industriegesellschaften wandelten sich die Begriffe jedoch und wurden zur Kennzeichnung des Lohnarbeitsverhältnis benutzt. Im deutschsprachigen Raum hielten sie Mitte des 19. Jahrhunderts in Form des Paars „Arbeitgeber“ und „Arbeitnehmer“ Einzug in Rechtstexte und Verordnungen.

In Medien und Publizistik sind aufgrund der mißverständlichen Verkehrung von „geben“ und „nehmen“ je nach Präferenz auch die Begriffe abhängig Beschäftigte, Lohnarbeiter, Mitarbeiter, oder schlicht Arbeiter bzw. Angestellte gebräuchlich (siehe auch den untenstehenden Abschnitt „Kritik am Begriff“).

Wäre es auch nicht sehr umständlich, immer „Arbeitsgelegenheitannehmender“ sagen oder schreiben zu müssen? Wer von uns sagt noch „Automobil“ oder „Automobilbahn“ oder „Fernsprechgerät“ oder „elektronische versendete oder empfangene Post“  „Schienenverkehrsmittel“ ?

Andererseits ist es sehr zu begrüßen, daß man die alltäglich verwendete Begrifflichkeit einmal aus dem Brei der Unbewußtheit herauf holt und beginnt zu denken. Denn, wenn ein ursprünglicher Begriff verkürzt oder in seiner Verwendung verändert wird, dann ändert sich auch seine…ich will einmal sagen „Schwingung“. Also das, was an Bedeutung mitschwingt, wie in diesem Fall, das mitschwingende „Machtverhältnis„.

Dieses bewußte Erkennen wiederum verändert unser Denken und Fühlen mit, in und über diese Begriffe und damit verändert sich mit unserer Sprache auch unsere Haltung und unsere Handlungen.

Praktische Verkürzungen für den Alltagsgebrauch und in der Umgangssprache sind natürliche Bestrebungen“, aber führen dazu, daß Exaktheit in Bezeichnungen und eine bewußte Entscheidung über die geeigneten Begriffswahl verloren gehen. Arbeitgeber, Arbeitnehmer… jeder weiß, wen man damit meint, aber nur die Wenigsten machen sich über das dadurch ausgedrückte Machtverhältnis Gedanken oder woher die Begriffe kommen. Obwohl es zwei Zugangswege zu Sprachbegriffen gibt. Den Intellektuellen über Wörterbücher /Wikipedia und den anderen über die Fantasie, die freie spielerische Assoziation.

Die genannten Begriffe sind langweilig alltäglich, werden meist mit trockenen und unliebsamen Themen verknüpft, erscheinen im Recht, in der Wirtschaft, in der Politik, im Sozialwesen…aber nicht im privaten Bereich. Kein Mensch würde auf die Idee kommen, zu sagen „ich bin Arbeitnehmer“, wenn er/sie bei dem ersten Date im Kerzenlicht von dem begehrten Gegenüber gefragt wird: „Und? Was machst Du so?“

Die Bereitschaft, eine exakte Begrifflichkeit in einem bestimmten Zusammenhang (Kontext) zu verwenden, ist daher meist gering (und wird unter Umständen durch vergangene Schulerfahrungen leider auch verstärkt), denn man hat sich seinem Umfeld so angepasst, oder das Umfeld hat jeden von uns so geprägt, daß die Mitglieder in dieser kleinen Umfeldgemeinschaft bei den gewählten Worten meist wissen, was gemeint ist. Man hat sich stillschweigend und meist aus Erfahrung auf eine Bedeutung geeinigt. Aber nicht alle Menschen sind Teil dieser stillschweigenden Übereinkunft. Und da beginnen auch die Fallstricke, die Unstimmigkeiten, Fehlannahmen und die Manipulation.

Deutlich wird das, wenn man einmal sein Lebensumfeld wechselt / wechseln muß und plötzlich nicht mehr selbst-verständ-lich ver-stand-en wird und mühsam um die richtigen Worte ringen muß, um sich zu erklären. Es ist, als ob man eine neue Sprache lernen würde.

Der Verzicht auf Exaktheit führt also einerseits leicht zu Mißverständnissen, die manchmal schnell und manchmal nicht mehr richtigzustellen sind, andererseits bietet er ein unendlich großes Feld für Manipulation, Lügen ohne zu lügen, Verdrehungen und beabsichtigter gedanklicher Verwirrung.

Denn, wenn 10 Menschen von ein und dem selben Begriff unterschiedliche Vorstellungen haben, oder wenn 9 von 10 Menschen die gleiche, aber nur ein einziger eine leicht andere Vorstellung hat, dann hat das Folgen für die Gemeinschaftsstruktur. Meist kommt es dabei zu einer Machtverschiebung.

Wenn man überzeugt davon ist, daß man verstanden hat, was der andere gesagt hat, dann fragt man meist nicht weiter nach (das ständige Nachfragen wäre auch der Erstarrungstod für jegliche lebendige und sinnvolle Kommunikation) und beginnt in Folge in eine bestimmte Denkrichtung zu laufen. Dies kann sogar soweit gehen, daß mit Begriffen eine reflexartige Denkbewegung ausgelöst werden kann, die vergleichbar ist mit körperlichen Reflexen oder auch Gefühlsreaktionen. Im Englischen nennt man so einen Auslöser „Trigger“. Die Reaktion auf einen Trigger kann dann ebenfalls wieder Trigger für die nächste Denkreaktion sein und so fort.

Wie auch im Körperlichen, kann man Denkprozesse konditionieren, das heißt, ich kann durch häufige Wiederholung und Verbindung mit anderen Begriffen und Gedankenabfolgen, vielleicht sogar unterstützt durch Bilder oder Geräusche oder Gefühle, Denkprozesse, Denkverläufe beeinflussen.

Wer das erkannt hat und der Manipulationsgefahr durch Begriffsverwässerung oder Umdeutung oder Verknüpfung durch mehr Exaktheit entgegenwirken möchte, der muß sich darauf einstellen nicht nur müde belächelt und als eigenartiger Kauz betrachtet zu werden.

Derjenige wird auch als anstrengend empfunden, es wird der Vorwurf der Kleinlichkeit und Haarspalterei aufkommen und Unmut und Unverständnis werden folgen. Selbst wenn man hin und wieder auf Verständnis treffen sollte, dann wird es heißen: „und? aber es hat doch keine Auswirkung… wir alle leben doch damit. Ob man das jetzt so oder so nennt… Hauptsache, das Gegenüber weiß, was gemeint ist…und man bekommt, was man will…letztlich ist doch alles das Selbe.“ Insbesondere Esoteriker der Rosa-Regenbogen-Osho Fraktion tendieren zu dieser „alles ist eins“ Auffassung, weil es einfacher ist, diesen unentwickelbaren Gordischen Sprach-Knoten mit dem Schwert der Nicht-Akzeptanz zu zerschlagen als daran zu arbeiten,  das begonnene Mammutwerk der westlichen Wissenschaft, Begriffe tot zu definieren, auf die nächste, lebendige Ebene zu heben.

Wohin die esoterische Ignoranz einerseits und die wissenschaftlich abgetötete Definition andererseits führen, sehen wir heute am Zustand unserer Sprache.

Um nocheinmal zurück zu kommen auf die Hoffnung, man bekäme auch mit einer Wischiwaschi Begrifflichkeit das, was man will,  nun, so muß ich enttäuschen. Meist ist das nicht der Fall, und man bemerkt es noch nicht einmal.

Und wenn man bemerkt, daß man etwas nicht bekommt oder anderes bekommt als man dachte, dann grübelt man ersteinmal über alle anderen Ursachen nach als darüber, ob man eventuell eine unpassende Begrifflichkeit gewählt haben könnte. Denn jeder, der Deutsch kann, weiß doch, was ich meine…

Man wird sogar durch Begriffe und beeinflußte Denkprozesse so getäuscht, daß man überhaupt nicht in Betracht zieht, daß man anderes würde haben wollen, als einem dargeboten wird. Man bemerkt nicht, daß das Denken immer nur über Autobahnen gelenkt wurde, während im Denken auch Bundesstrassen, Feldwege, Radwege und Trampelpfade existieren, die zu völlig anderen Orten führen und vielfältige Aus-, Über- und Einblicke gewähren.

Und alles ausschließlich über eine sehr begrenzte Anzahl verwendeter „Trigger“ Worte.

Wachen Menschen, wie zum Beispiel den „Freemen“, A. Clauss oder auch Heimatkulturverbundenen bis hin zu Fritz Mauthner oder Mario Prass  u.v.a. (ohne hier sagen zu wollen, daß ich mit deren Ansichten übereinstimme) ist es meiner Meinung nach zu verdanken, daß die exakte Begriffsverwendung wieder in das Bewußtsein rückt und das Grimm´sche Wörterbuch wie auch Rechts- und Wirtschaftswörterbücher, der Duden wieder zur Hand genommen werden. Die bewußte Sprache ist eben nicht nur etwas für den gelehrten Elfenbeinturm, oder diplomierte Fremdsprachenübersetzer, sondern unabdingbare Lebensgrundlage für Gesellschaften, die komplexer gestaltet sind als „primitive“ Klein-Gruppierungen, in denen es ausschließlich um die existenznahen Bedürfnisse geht, die -sprachlich gesehen- überschaubar bleiben.

Mein Appell ist daher, sich auf das Abenteuer der Mutter-Sprache einzulassen und sich damit aus der Fremdsteuerung Schritt für Schritt zu befreien. Und daß das keine bierernste Angelegenheit sein muß,  sondern sehr lustig sein kann, beweist folgende Geschichte:

Ein guter Freund besuchte einmal eine schweizer Familie mit Pflegekindern und während des Mitagessens kam man auf das Thema „Sprache“ und der Freund fragte, ob jemand wüßte, woher das Wort „rasenmähen“ käme. Nun, um die Wiese kurz zu halten hatte man in der Vergangenheit nur Schafe zur Verfügung und die „machen MÄH“ also sie mähen. Seither heißt das: Rasen mähen. Solle man mir etwas anderes beweisen!

 

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