Der Taiping Aufstand – Christentum auf Chinesisch und der Himmlische König

Der Taiping-Aufstand (1851–1864) war einer der blutigsten Konflikte der Weltgeschichte und es starben wahrscheinlich 20 bis 30 Millionen Menschen – er war damit der opferreichste Bürgerkrieg der Menschheitsgeschichte.

Er war eine Konfrontation zwischen dem Kaiserreich China unter der niedergehenden Qing-Dynastie und der Taiping-Bewegung, einer religiösen und zunehmend auch politischen Gruppierung, die der Mystiker Hong Xiuquan (洪秀全) nach Kontakten mit christlichen Missionaren und eigenen visionären außergewöhnlichen Erlebnissen während einer schweren Krankheit gegründet hatte. Diese mit dem Jintian-Aufstand beginnende Bewegung war nach dem Tàipíng Tiānguó (太平天囯) benannt, dem Himmlischen Reich des Großen Friedens, welches von den Aufständischen ausgerufen worden war. Die Bewegung wurde vorwiegend von ethnischen Minderheiten getragen, die sich durch die Zentralregierung benachteiligt oder sogar unterdrückt fühlten.

In den südlichen Provinzen Guangxi und Guangdong war das soziale Gefüge durch Piratenunwesen (besonders 1795–1809), die Aktivitäten der Triaden und den lukrativen Opiumhandel der Briten (1820er, 1830er) besonders unterminiert. Demobilisierte Söldner aus dem Ersten Opiumkrieg (1839–1842) betätigten sich als Banditen, zudem verdrängte die britische Flotte die Piraterie ins Landesinnere, d. h. in das Flusssystem Guangxis. Im Übrigen ging der Aufstieg Shanghais auf Kosten des traditionellen Handels über Kanton und erzeugte dort Arbeitslosigkeit.

Zum eigentlichen Entstehen der Taiping-Bewegung führten jedoch ethnische Konflikte, durch die ausgestoßene Gruppen in ihrem Überlebenskampf für neue Ideen empfänglich wurden. In den Jahren 1836 und 1847 gab es z. B. zwei Aufstände der Yao-Minderheit, hinter denen der importierte Weißer-Lotus-Kult und die Triaden standen, welche die Minderheitenkonflikte für sich zu nutzen wussten. Eine weitere Revolte von 1849 (nach einer Hungersnot) wusste ebenfalls die Minderheiten für sich zu mobilisieren.

Da von der korrupten und unfähigen Verwaltung keine Hilfe zu erwarten war, führten sämtliche Problembereiche dazu, dass die Landbevölkerung Selbstverteidigungs-Organisationen (t’uan) bildete und lokale Milizen entstanden.

Hong, der Initiator der Bewegung, stammte aus dem Süden und gerade durch die Beamtenprüfung gefallen (ein völlig dekadentes Mittel zur Rekrutierung, bei dem auch Bestechung eine wichtige Rolle spielte) als er auf einen Missionar (vermutlich ein Amerikaner mit dem Namen Roberts) traf, der predigte und ihm neun kurze Titel mit der Aufschrift Gute Worte zur Ermahnung der Welt (勸世良言) zum Lesen gab. Der Autor dieser Schrift, Liang Fa (1789–1855), sollte einen maßgeblichen Einfluss auf Hong ausüben. In diesen Schriften wurde die Allmacht Gottes, die Schande der Sünde und des Götzendienstes, und die Entscheidung zwischen Erlösung oder Verdammung thematisiert.  Auf dieser Schrift baute Hong sein „Christentum“ auf. Als er auch im Alter von 24 Jahren (1837) wieder durch die Prüfung flog, wurde er schwer krank und erlebte eine Vision: er träumte von einer Himmelfahrt, bei der seine inneren Organe ersetzt wurden und somit eine Art spirituelle Wiedergeburt bewirkten. Außerdem erschienen ihm ein bärtiger Greis auf einem Thron und ein Mann in mittleren Jahren, welche er später anhand der Schrift Gute Worte zur Ermahnung der Welt (勸世良言) als Jehova und Jesus identifizierte. Seitdem hielt er sich für den „Kleinen Bruder Jesu“. Im Jahr 1843 fiel Hong schließlich ein viertes und letztes Mal durch die Beamtenprüfung. Dieses Mal fiel Hong allerdings nicht wieder in Depressionen, sondern wendete sich, gestärkt von seinen Visionen und seiner neu gewonnenen religiösen Überzeugung, aktiv gegen das politische System. Er verlor seinen Posten als Lehrer und scharte in der zerrütteten Gesellschaft mehr als 20.000 Anhänger um sich. So begann eine Sozialrevolution.

Mitte der 1840er Jahre zielten seine Schriften noch auf eine Vereinigung christlicher und konfuzianischer Moralvorstellungen ab. Aber durch die Verbindung seiner religiösen Visionen und moralischen Vorstellungen mit den Angelegenheiten der bedrängten Hakka-Gemeinschaft – verstreut lebende Immigranten ohne Miliz, nur verbunden durch ihre Sprache – wurde Hongs Mission schlagartig politisch. Feng Yunshan, ein Schulfreund und Cousin Hongs († 1852), hatte sich jahrelang bei den Hakka-Gemeinden aufgehalten, sie bekehrt und organisiert, um in den ethnischen Auseinandersetzungen bestehen zu können. Neue Anführer traten hinzu, als Feng vorübergehend festgenommen und deportiert wurde. Auch sie erkannten Hongs religiöse Autorität nominell an. So trat ein Waffenfabrikant in die Sekte ein, da er als Angehöriger der Miao von den Chinesen verachtet wurde und sich bei seinen Nachbarn revanchieren wollte.

So mit Waffen ausgerüstet, beging die Gruppe Überfälle, die in der schlecht verwalteten Provinz zunächst gewöhnlichen Verbrechern zugeschrieben und daher nicht sonderlich beachtet wurden. Im Sommer 1849 waren diese Hakka-Gemeinschaften eine mehr oder weniger geschlossene ekstatisch-religiös-politische Bewegung.

Die Sekte wurde schließlich verfolgt, was unter den verschärften Bedingungen der Hungersnot von 1849/50 zu einem Guerillakrieg zwischen den Hakka und den anderen Gruppen führte. Den Anführern wurde klar, dass sie in Guangxi nicht länger bestehen konnten und dass sie in einen offenen Aufstand treten mussten. Sie versammelten sich im Juli 1850 in Jintian (daher auch: Jintian-Aufstand) und zogen nordwärts. Vom HKaiserhof wurden sie schließlich im Oktober 1850 wahrgenommen, aber der zu ihrer Bekämpfung eingesetzte Lin Zexu verstarb noch auf dem Weg und seine Nachfolger waren unfähig, die diversen Provinzstreitkräfte und Söldner zu koordinieren.

Am 11. Januar 1851 rief Hong das Taiping-Königreich aus, proklamierte sich zu dessen „Himmlischen König“ und erhielt zunehmend Zulauf von der Landbevölkerung, darunter Kohlebrenner, arbeitslose Flussschiffer, Lastenträger und Bergarbeiter, auch Piraten und desertierte Soldaten. Besonders zahlreich waren Angehörige der Hakka, Miao und Yao vertreten. Anfangs war auch eine ganze Anzahl Triaden-Mitglieder dabei, aber diese konnten sich nur schwer eingliedern.  Hongs fähigster Mann, ein ehemaliger Holzkohlebrenner namens Yang Xiuqing, wurde mit dem Namen „König des Ostens“ betitelt und war somit de facto der Anführer der Armee. In diesen Monaten wurde aus einem unbedeutenden Provinzaufstand eine Massenbewegung, die über Zentralchina hereinbrach, und im September 1852 befehligte Yang vor Changsha bereits 120.000 Mann.

Nach der Eroberung von Wuhan waren es 500.000 Mann, und mit diesen wandte er sich nach Nanjing und schloss es am 8. März 1853 ein. Elf Tage später wurde Nanjing eingenommen, wobei 30.000 kaiserliche Soldaten und tausende Zivilisten getötet wurden. Die gewöhnliche Bevölkerung wurde verschont, wenn sie das Schriftzeichen für Unterwerfung auf die Tür malte und Tee bereitstellte. Nanjing wurde Hauptstadt des Himmlischen Königreichs und als solche in Tianjing (Himmlische Hauptstadt) umbenannt. Da Hong Xiuquan der Gouverneurspalast nicht groß genug erschien, ließ er ihn abreißen und eine neue „Verbotene Stadt“ von fünf Kilometern Durchmesser errichten.

Besonderheiten der Taiping-Herrschaft gegenüber der Qing-Dynastie waren:

  • Die Beamtenprüfung wurde teilweise modifiziert. Beamte wurden nicht mehr auf Kenntnis der Konfuzianischen Klassiker, sondern christlicher Themen geprüft.
  • Das Privateigentum wurde offiziell abgeschafft, ebenso der Privathandel, es gab stattdessen gemeinsame Kassen und Getreidespeicher. Alles Land gehörte Gott bzw. in dessen Vertretung dem Staat und wurde von diesem zur Nutzung und Bearbeitung verteilt. Auch die Steuern wurden reduziert bzw. im Idealfall abgeschafft.
  • Andere Verbote erfassten Opium-, Tabak- und Alkoholkonsum sowie Polygamie, Sklaverei und Prostitution.
  • Der Mondkalender wurde durch den Sonnenkalender ersetzt, d. h. es gab eine 7-Tage-Woche mit sonntäglichem Gottesdienst.
  • Die Gesellschaft wurde für klassenlos erklärt und die Geschlechter waren in allen wichtigen Belangen gleichgestellt (u. a. Verzicht auf die Praxis des Bindens der Füße von Frauen, Zuweisung von Land, Zugang zu bestimmten Ämtern). Der erhöhte gesellschaftliche Status der Frau wurde der Hakka-Kultur entlehnt.
  • Einheit von militärischen, religiösen und administrativen Funktionen.

Bald nach dem Fall von Nanjing rückten die Taiping im Mai 1853 gegen Peking vor. Sie kamen bis Tianjin. Der Mandschu-Kaiser und sein Hof flohen aus der Hauptstadt, aber überraschenderweise hielt Senggerinchin, ein mongolischer Befehlshaber, die Taiping mit nur 4500 Reitern auf. Die Moral unter den Truppen sank, der Winter brachte Nahrungsmangel und damit das Feldzugsende. Das Scheitern resultierte daraus, dass die Führung unter der Dominanz Yang Xiuqings in Nanjing das ökonomische und logistische Herz des Reiches sah und für die Eroberung Pekings nur beschränkt Kräfte und Mittel aufbieten wollte. Im Frühjahr 1855 wurden die Reste der Expedition vertrieben und die Qing-Dynastie überstand die Krise.

Ein vielleicht noch größerer Fehler war es, dass die Taiping Shanghai nicht einnahmen, das zuerst in die Hände der Klein-Schwert-Gesellschaft und dann 1855 (mit Hilfe der Franzosen) wieder an die Kaiserlichen fiel. So war kein Hafen unter Kontrolle der Aufständischen, weshalb man sich keine Unterstützung von außen sichern konnte. Aber entsprechende Verhandlungen scheiterten auch schon am Protokoll, denn die Taiping glaubten an ihren Vorrang.

Dann geriet die Taiping-Führung in einem blutigen Machtkampf aneinander. Besonders Yang, der „König des Ostens“ war gnadenlos und schickte ständig Menschen als „Himmlische Fackeln“ zu Gott. Hong Xiuquan entglitt die Macht und nach seinem Sieg bei Nanjing forderte Yang (der sich als Inkarnation des Heiligen Geistes verkaufte) seine Gleichstellung mit ihm. Aber Hong gelang es, einen anderen „König“ namens Wei Changhui aus dem Krieg zurückzurufen. Wei tötete Yang und massakrierte unter dem Vorwand einer öffentlichen Veranstaltung auch dessen Anhänger (September 1856). Dann ging Wei gegen Shi Dakai vor, der das Massaker an Yangs Anhang (angeblich ca. 20.000 Tote) angewidert missbilligt hatte und löschte dessen Familie aus. Als Shi Dakais Truppen nun mit überwältigender Unterstützung auf Nanjing vorrückten, reagierte Hong Xiuquan schnell und schaltete Wei Changhui mit seinen eigenen Truppen aus.

Zu diesem Zeitpunkt wurde klar, dass das Taiping-Königreich weder die Dynastie stürzen noch die angehäuften Probleme lösen konnte. Die Führungsriege zerfleischte sich und predigte Regeln, an die sie sich selbst nicht hielt. Sie konnte in der Mittelschicht keinen Rückhalt finden und sich keine Unterstützung von außerhalb schaffen. Damit war sie zum Scheitern verurteilt, ihr Niedergang begann. Noch dazu gerieten sie zunehmend mit den Kolonialmächten in Konflikt. Als der Taiping-König Li Xiucheng im August 1860 (mit nur 3.000 Mann) Shanghai angriff, wurde er von Briten und Franzosen (1.200 Mann und einige Kanonenboote) zurückgeschlagen. Das brachte die lokale Gentry auf den Gedanken, zu ihrem Schutz zusätzlich eine Fremdenlegion unter F. T. Ward (und danach unter Charles Gordon) anzuwerben. Als Li Xiucheng nach der Besetzung von Ningbo und Hangzhou dann erneut vor Shanghai erschien, wurde er von den vereinigten Truppen der Briten, Franzosen und Wards aufgehalten, denen sich bald die Kaiserlichen unter Li Hongzhang anschlossen. Trotz eines Aufgebots von diesmal 50.000 Mann wurden die Taiping besiegt (Januar-August 1862).

Im Norden (im Bund mit den Nian-Rebellen bis 1868) und im Südwesten Chinas (mit den Miao bis 1872) jedoch ging der Kampf weiter, schließlich flohen zahlreiche Taiping-Rebellen nach Vietnam, wo sie noch 1884 als „Schwarzflaggen-Partisanen“ gegen die Franzosen kämpften.

 

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