Für Qualität in der Wissenschaft und gegen Pseudo

bevor jetzt die Anhänger der Komplementärmedizin sofort ihren Blutdruck steigen lassen etwas Beruhigung vorab. Es geht hier nur in zweiter Linie um den wenig geliebten Zwillings-Bruder „KomplementärXY“ in den Heilberufen. Es geht vorwiegend um Geschäftemacherei und ja, die betrifft auch, oder aufgrund der fehlenden Korrektiven, sogar vermehrt die Komplementärmedizin bzw. die komplementäre Heilkunde. Daher ist sie gut beraten, sich nicht nur anzuhören, was die Schulwissenschaft über die Entwicklungen der letzten Jahre bzgl. der Qualität in der Wissenschaft so herausgefunden hat, sondern sich von den Forderungen auch leiten zu lassen.

Man halte sich vor Augen, daß, wenn eine streng hierarchische und damit sehr kontrollierte Wissenschaft feststellt, daß neue Geschäftsmodelle unseriös und unaufhaltsam ihr Feld unterwandern, es noch viel stärker in der Komplementärwissenschaft der Fall sein wird, wo man grundsätzlich offener und weniger streng reglementiert und kontrolliert ist. Dabei ist egal, ob es sich um eine unseriöse Veröffentlichung über ein neues Antibiotikum in der Schulmedizin handelt oder über Pfefferminztee in der Komplementärmedizin. Vielleicht ist es sogar ein und der selbe abgreifer, der sich hier mittels der gleichen Methoden betätigt. Die Abgreifer schleichen sich in jede Lücke, die Geld verspricht und es ist ihnen sicherlich ziemlich egal, ob sie im Bereich Schulmedizin, Komplementärmedizin oder Automotoren ihre Kohle machen. Das ist ja das wunderbare an derartigen Geschäftsmodellen, daß die Inhalte beliebig sind.

Wenn ich anrege, daß sich Komplementärmediziner von der Schulmedizin leiten lassen sollten, will ich das nicht so verstanden wissen, daß die Grundsätze der Schulmedizin der Weisheit letzter Schluß sind. So gibt es heftige Auseinandersetzungen innerhalb der Medizin über den Wert einer ausschließlich evidenzbasierten Forschung und viele Therapien sind seit Jahrzehnten ohne die vielgepriesenen Leitlinien, weil sich die Herren und Damen Mediziner nicht einigen können. Nicht, weil sie aus Dünkel nicht wollten, sondern weil es in sehr vielen Fällen eben nicht DIE EINE Vorgehensweise gibt oder die Studienlage zu dürftig ist oder die Amis es völlig anders machen und auch keine schlechteren Ergebnisse im outcome haben oder oder. Doch wenn man das Hilfreiche, das Sinnvolle und die Qualitätsbestrebungen für sich annimmt, dann kann das nur von Vorteil sein.

Kernbotschaften

Wertlose Forschung und gefährliches Pseudowissen sind eine Bedrohung für die Gesundheit der Bürger. Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF) setzt auf Gegenmittel wie

  • evidenzbasierte Medizin,
  • internationale Initiativen zur Förderung der Qualität medizinischer Forschung,
  • auf Leitlinien als qualitätsgesicherte Information,
  • auf Transparenz und
  • die Stärkung der Gesundheitskompetenz der Bürger.

Hintergrund

Die Diskussion um die in der medizinischen Wissenschaft und in der Öffentlichkeit schon seit vielen Jahren kritisch verfolgte Verbreitung von Pseudowissen habe eine neue Dimension erreicht, so die AWMF in einer Mitteilung.

Auslöser sei „die zunehmende Ausbreitung einer akademischen Scheinwelt – getrieben durch sogenannte „Raubverlage“, „Pseudojournale“ und „Pseudokongresse“, die Wissenschaftlichkeit vorgeben, jedoch die Grundprinzipien der Wissenschaftlichkeit zugunsten rein wirtschaftlicher Interessen fundamental missachten“. 

Über 5000 deutsche Wissenschaftler hätten mindestens einmal in einem Pseudojournal solcher „Raubverlage“ publiziert, ergab kürzlich eine gemeinsame Recherche von NDR, WDR und „Süddeutsche Zeitung Magazin“. Weltweit seien inzwischen rund 400.000 Forscher betroffen. In den vergangenen fünf Jahren habe sich die Zahl solcher Publikationen bei fünf der wichtigsten Verlage verdreifacht, in Deutschland sogar verfünffacht.

Ursachen der Entwicklung

Die Open-access-Bewegung ist laut AWMF zwar grundsätzlich zu begrüßen.

Sie habe aber in den letzten Jahren auch zu den gravierenden Fehlentwicklungen beigetragen, die aktuell im Fokus seien:

Im Open-access-Modell

  • müssen die Autoren eine Gebühr für die Produktionskosten ihrer Publikationen entrichten,
  • da die Verlage keine Einnahmen daraus zu erwarten haben. Das heißt aber auch:
  • Verlage nehmen umso mehr Geld ein, je mehr Publikationen sie akzeptieren und
  • je geringer sie die Kosten halten.

Dies bietet den Geschäftsraum für pseudowissenschaftliche Verlage und Publikationsplattformen.

  • Mit wohlklingenden Titeln täuschen diese Seriosität vor und
  • werben in Massen-E-Mails mit dem Versprechen rascher und unkomplizierter Manuskriptbearbeitung um Wissenschaftler.
  • Die Manuskripte werden dann ohne ausreichende Qualitätskontrolle
  • gegen Zahlung
  • einer durch die so erzielte Einsparung von Produktionskosten oft vergleichsweise niedrigen Gebühr veröffentlicht.

Zur Fehlentwicklung tragen außerdem Fehlanreize der Forschungssteuerung und auch Forschungsfinanzierung (Stichwort: Drittmittel) bei.

Empfehlungen und Forderungen

Die AWMF ruft daher zu

  • mehr Problembewusstsein auf.
  • „Die medizinische Wissenschaft muss sich verstärkt für die Prävention,
  • Identifikation und
  • Kennzeichnung

von

  • wertloser,
  • eindeutig interessengeleiteter oder
  • pseudowissenschaftlicher Forschung

einsetzen, um nachteilige Folgen für die medizinische Versorgung und für individuelle Patienten zu verhindern“, fordert Professor Dr. med. Rolf Kreienberg, Präsident der AWMF.

„Hierfür eignen sich Instrumente, die auf unterschiedlichen Ebenen ansetzen“, ergänzt Professor Christoph Herrmann-Lingen, Vorsitzender der Kommission Forschung und Lehre der AWMF.

Dazu gehören

  • die obligate Registrierung klinischer Studien,
  • die Transparenz von Interessenkonflikten,
  • Regeln für transparente Publikationsprozesse
  • einschließlich eines definierten Begutachtungsverfahrens („peer review“) und
  • die kostenfreie Verfügbarkeit wissenschaftlich hochwertiger Publikationen („open access“). 

Die AWMF fordert daher die konsequente Prüfung der Einhaltung international konsentierter Gütekriterien medizinischer Forschung.

Nach den Empfehlungen der AWMF sollten nur solche Publikationen als Qualitätsnachweis anerkannt werden, die in Publikationsorganen erscheinen, die entweder in etablierten Verzeichnissen seriöser Fachzeitschriften gelistet oder von wissenschaftlichen Fachgesellschaften auf der Basis transparenter Kriterien als qualitätsgesicherte Publikationsorgane im jeweiligen Fachgebiet anerkannt sind. 

Orientierung durch Leitlinien

Professor Ina B. Kopp, Leiterin des AWMF-Instituts für Medizinisches Wissensmanagement (AWMF-IMWi) ruft ergänzend zu gezielter Suche nach tragfähigem, neutralen Wissen auf: „Eine anwendungsbezogene Orientierung im Publikationsdschungel bieten evidenzbasierte Leitlinien der Fachgesellschaften, die über das qualitätsgesicherte Leitlinienregister der AWMF kostenfrei zugänglich sind.“ Diese werden auf der Basis systematischer Analysen der wissenschaftlichen Literatur entwickelt. Dabei werden nach einem transparenten Verfahren qualitativ hochwertige Publikationen aus anerkannten internationalen Datenbanken identifiziert. Diese werden zudem nach einem klar definierten, transparenten Vorgehen bewertet. „Eine exemplarische Analyse von zwei aktuellen Leitlinien aus dem Jahr 2017 konnte unter insgesamt über 1300 zitierten Literaturstellen keine einzige eindeutig unseriöse Quelle identifizieren“, bestätigt Herrmann-Lingen. 

Mehr Gesundheitskompetenz

„Darüber hinaus müssten Patienten und Bürger „befähigt werden, Spreu und Weizen medizinischer Information zu unterscheiden,“, fordert Ina Kopp. Dazu trügen Laienversionen hochwertiger Leitlinien der Fachgesellschaften in der AWMF bereits bei. Ergänzend fordert die AWMF die systematische Verankerung von Kenntnissen der evidenzbasierten Medizin in der medizinischen Aus- und Weiterbildung sowie die Förderung von Gesundheitsbildung in der Bevölkerung – beginnend bereits in der Schule.

2 Kommentare zu „Für Qualität in der Wissenschaft und gegen Pseudo“

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