Victor Considerant: „Keine politische und soziale Freiheit für die Massen ohne Minimum.“

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Zum Verständnis der Theorien von Charles Fourier und Victor Considerant ist der Begriff der Anziehung (Attraktion) wichtig.

Die menschlichen natürlichen – auch gegensätzlichen – Triebe und Leidenschaften sollten durch eine bestimmte Gestaltung der Gesellschaft und geeignete Regeln genutzt werden, um eine harmonische Gesellschaft zu erreichen.

Anziehung entsteht dadurch, dass der Mensch seine natürlichen Leidenschaften, Neigungen und Talente ausleben kann.

Das gilt auch für den Bereich der Arbeit, verstanden als Tätigkeit, die ausgeübt wird, um „sich den notwendigen Lebensunterhalt zu verschaffen, seine Familie zu ernähren und aufzuziehen.“ (Considerant 1844 in Adler 1906a, 58)

Aber: „Bis heute sind Politik und Moral daran gescheitert, die Arbeit liebenswert zu machen: wir sehen, daß alle Lohnarbeiter, alle Erwerbstätigen, ja die gesamte Klasse des Volks ständig dem Nichtstun zuneigen. […] Um sie an die Arbeit zu gewöhnen, kennt man außer Sklaverei kein anderes Mittel als die Furcht vor Hunger und Strafe.

Wenn nun aber die Arbeit die Bestimmung ist, die der Schöpfer uns beschieden hat, wie kann man auf den Gedanken verfallen, er wolle uns mit Gewalt dazu bringen und habe es nicht verstanden, eine edlere Triebfeder zu ersinnen, einen Anreiz, der die Arbeit in Lust verwandelt.“ (Fourier 1822 in Fourier 1977, 172)

Eine Bedingung neben vielen anderen politischen und arbeitsorganisatorischen Bedingungen für attraktive Arbeit für Mann und Frau ist, dass sie das kooperative Zusammenwirken unter die persönliche Zustimmung jedes einzelnen stellt, also ein „freiwilliges Zusammenwirken“ ist, so wie die Gesellschaft als eine „freie Vereinigung der Individualitäten“ (Considerant 1846 in Adler 1906b, 89 f.; vgl. Fourier 1822 in Fourier 1977, 177) zu gestalten sei.

Die Verwaltung der freien Assoziationen, die Organisation der gemeinwirtschaftlichen Arbeit (unter Beibehaltung des Privateigentums) und des gemeinsamen Lebens, von Fourier auch Phalanstère genannt, soll „durch die direkten Entschließungen der Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die sämtlich gleichberechtigt sind“ (Adler 1906, 31), also direktdemokratisch, erfolgen.

Soziales Minimum und attraktive Arbeit statt falscher Industrie

Eine zweite, nämlich eine naturrechtliche Überzeugung Fouriers bestimmte das Denken seines Schülers Considerant:

„Der Wilde […] muß […] jagen und fischen, um sich zu ernähren;

aber das sind anziehende Beschäftigungen, die ihm seine körperliche Freiheit nicht nehmen.

Eine Arbeit, die Freude macht, wird nicht als Last empfunden.“ (Fourier 1822 in Fourier 1977, 176)

Charles Fourier beschrieb in seinem Werk „Die falsche Industrie“ von 1836, das Recht auf ein Existenzminimum und damit verbundene gesellschaftliche Widerstände wie folgt:

„Das erste Recht, das der natürlichen Ernte – Nutzung der Gaben der Natur, Freiheit der Jagd, Ernte, Weiderecht – begründet das Recht, sich zu ernähren, zu essen, wenn man Hunger hat.

[…] Wenn die bürgerliche Ordnung dem Menschen die vier Säulen der natürlichen Versorgung nimmt – wie

  1. die Jagd,
  2. den Fischfang,
  3. die Ernte,
  4. das Weiden,

die das erste Recht darstellen –, so schuldet die Klasse, die Ländereien weggenommen hat, der Bevölkerungsschicht, die benachteiligt ist, ein Minimum in ausreichender Höhe, kraft des neunten Rechts (ausreichende Höhe).

Aber es gibt reichlich Widerstände gegen die Gewährung dieses Rechts:

Zuerst müsste man einen gesellschaftlichen Mechanismus einer kombinierten Wirtschaft suchen und finden, die ein vierfaches Produkt liefert, womit man ein ausreichendes Minimum bereitstellen könnte.

Andererseits, da die Mehrheit, versehen mit einem ausreichenden Minimum, nur wenig oder gar nicht arbeiten wollte, müsste man ein attraktives Wirtschaftssystem entdecken und organisieren, das den Arbeitswillen der Bevölkerung trotz ihres Wohlstands garantieren würde.“ (Fourier 1836, 490 ff. [1])

Als Ersatz für das Naturrecht zu jagen, zu fischen, zu sammeln oder zu weiden usw. galt Fourier in einer bürgerlich-zivilisierten Welt sowohl das Recht der Armen auf eine attraktive Arbeit: „nämlich eine Arbeit,

  • die ihnen gefällt
  • und an die sie ihr Leben lang gewöhnt sind,
  • eine Arbeit in Gesellschaft von Menschen, die ihnen angenehm sind.

Gebt dem Zivilisierten eine Arbeit,

  • die ihm unwiderruflich gehört und
  • die er ausüben kann, wie und wann es ihm gefällt,
  • ohne daß er von einem ungerechten Aufseher abhängig ist
  • und sich mit Leuten einlassen muß, deren Sitten ihn abstoßen.“ (Fourier 1836 in Fourier 1977, 169)

Andererseits würde dieses Naturrecht auch das Recht der Armen auf ein „minimum social, un nécessaire en subsistance, vêtement et logement“ (Fourier 1822 in Cunliffe/Erreygers) begründen, nämlich das Recht auf ein soziales Minimum, welches den notwendigen Lebensunterhalt (Nahrung, Kleidung und Unterkunft) absichern sollte („minimum ou néccessaire“, ebd.).

Da Fourier in einer bestimmten Phase der gesellschaftlichen Entwicklung zwar die Klassen nicht abschaffen aber die Armut bekämpfen wollte, plädierte er auch für ein „minimum proportionnel“ (ebd.), welches den Armen der drei Klassen (höhere, mittlere, untere) das notwendige Minimum in Relation zu ihrer Klasse sichern sollte.

Für die höhere Gesellschaft, in der die attraktive Arbeit für alle und die freie Assoziation durch eine Reihe von politischen und arbeitsorganisatorischen Maßnahmen durchgesetzt und die Produktivität daher enorm gestiegen sei, soll das Minimum ein höheres, reichliches Niveau erreichen („minimum abondant“; Fourier 1836 in Cunliffe/Erreygers).

Fourier: Minimum zur Bekämpfung von Armut und Sicherung der Freiheit des Menschen

Das Recht auf ein Minimum, von Fourier mal in Naturalien, mal in Geldform gedacht, bestand für ihn ohne die Pflicht zur Arbeit.

Es handelt sich also um eine Grund-/Mindestsicherung ohne einen Zwang zur Arbeit. Denn dieser Zwang würde die körperliche Freiheit einschränken:

„Einfache oder körperliche Freiheit, ohne soziale Freiheit.

Sie ist das Los des armen Mannes, der ein sehr geringes Einkommen hat, das gerade zum Leben reicht.

Er genießt aktive körperliche Freiheit, weil er nicht zur Arbeit gezwungen ist wie der Arbeiter, der keinerlei Einkünfte hat.

Im Übrigen kann er seine Leidenschaften nicht befriedigen.

Phebon steht es wohl frei, in die Oper zu gehen; aber Phebon besitzt gerade genug, um sich dürftig zu nähren und zu kleiden.

Es steht ihm frei, Volksvertreter zu werden; aber dazu gehört ein großes Vermögen.

Der stolze Titel, ein freier Mensch zu sein, bringt ihm statt soziale Freiheiten nur Dunst. […] Er ist nur ein passives Mitglied der Gesellschaft;

seine Leidenschaften können sich nicht aktiv entfalten;

seine Meinung wird für nichts geachtet.

Dennoch ist er sehr viel freier als der Arbeiter, der an die Arbeit gefesselt ist, um nicht Hungers zu sterben, und der nur einen freien Tag in der Woche hat, den Sonntag, an dem er aktive körperliche Freiheit genießt.“ (Fourier 1836 in Fourier 1977, 176)

Die soziale Freiheit erlangt der Mensch nur in einer freien Assoziation und mit attraktiven Arbeitsbedingungen.

Fourier wollte nun eine neue Freiheit für alle begründen, welche die aktive körperliche Freiheit des Naturzustands mit der sozialen Freiheit verband und zugleich auf die Ebene der notwendigen produktiven Arbeit gehoben wirdauch werden musste, denn die natürliche Sorglosigkeit, vermittelt durch die allen zugänglichen Naturressourcen zur Sicherung des Lebensunterhalts, war unwiederbringlich verloren.

Diese neue Freiheit, so Fourier in seinem 1822 erschienen „Traktat der häuslichen und landwirtschaftlichen Assoziation“, „umfasst

  • die aktive körperliche und
  • aktive soziale Arbeit,
  • verbunden mit der anziehenden produktiven Arbeit.
  • Sie unterstellt Einheitlichkeit der Verbindung,
  • die persönliche Zustimmung jedes einzelnen, ob Mann, Frau oder Kind,
  • ihren leidenschaftlichen Zusammenschluss für die Ausübung der Arbeit und
  • die Aufrechterhaltung der begründeten Ordnung.

Diese dritte Art der Freiheit ist die Bestimmung des Menschen.“ (Fourier 1822 in Fourier 1977, 177)

Considerant: Garantiertes Minimum für jeden als Menschenrecht und zur Sicherung der politischen und sozialen Freiheit

Das Haupt der Schule von Charles Fourier, Victor Considerant, formulierte in seinem Vortrag über die Fundamentalprobleme der sozialen Zukunft von 1841, das Recht auf ein Existenzminimum deutlich als ein Recht auf ein Minimum für alle.

Unklar ist, ob es ein Einkommen oder eine Grundversorgung in Güter- bzw. Naturalform sein soll.

Dieses Minimum soll aber eine ausreichende Höhe haben, um die soziale sowie politische Freiheit abzusichern.

Das heißt, es sichert mehr als nur das physische Überleben:

„Ist es nicht zunächst in die Augen fallend, daß die Individuen oder die Klassen, die

  • nichts besitzen,
  • die weder Kapital,
  • noch Arbeitswerkzeuge,
  • noch Kredit haben, um zu existieren,

unter jedem politischen System durch die bloße Tatsache ihrer Hülflosigkeit notwendigerweise auf einen Zustand der Abhängigkeit und des Helotentums herabgedrückt werden, der den Namen der Sklaverei oder Knechtschaft oder Proletariat führt?

Das ist nicht zu bestreiten.

Es gibt, unter welcher Verfassung es auch sei, keine soziale Freiheit, es wird niemals eine wirkliche und dauerhafte politische Freiheit für die Klassen geben, deren sämtliche Mitglieder, bei Strafe des Hungertodes, und zwar sie selbst und ihre Familie, gezwungen sind, an jedem Tage sich unter einem Herrn aus einer andern Klasse zu fühlen. […]

Die erste Bedingung für die Freiheit eines Wesens besteht darin, daß es die Bedingungen seiner Existenz selbst in der Gewalt hat!

Die erste Bedingung für die Unabhängigkeit eines Wesens besteht darin, dass seine äußeren Lebensbedingungen nicht von dem Willen eines andern abhängen, und nicht der Gewalt jedes Beliebigen ausgeliefert sind!

Macht Revolutionen, Dekrete, Verfassungen, proklamiert die Republik, in welcher Form es euch beliebt, ernennt zum Präsidenten oder Konsul, wen ihr wollt – für die ernstliche, wahre Freiheit der Massen werdet ihr damit nichts, absolut nichts getan haben, so lange

  • die Gesellschaft nicht jedem Manne, jeder Frau, jedem Kinde
  • ein angemessenes Existenzminimum garantiert,
  • so lange nicht jedem Menschen sichergestellt, aber sichergestellt als erstes seiner Rechte als Glied der Menschheit, sind:
  • Kleidung, Wohnung, Nahrung und alle für den Lebensunterhalt und die soziale Unabhängigkeit seiner Person notwendigen Dinge.

Es wäre daher allzu töricht, zu verlangen, daß

  • die Gesellschaft dem Individuum das Minimum gewähre und so jedem ihrer Mitglieder die soziale Freiheit gebe,
  • so lange nicht das industrielle Regime so organisiert ist, daß es die Menschen begeistert und sie zur Arbeit antreibt durch die Macht der Anziehung
  • an Stelle der Gewalt und der Not – die allein sie niemals zur Tätigkeit in der zerstückelten und ihnen widerwärtige Industrie zwingen werden.

Es steht daher unwiderleglich fest: Keine politische und soziale Freiheit für die Massen ohne Minimum, und kein Minimum ohne industrielle Anziehung.“ (Considerant 1841/1844 in Adler 1906b, 96 f.)

Diese Passage lässt einen Schluss auf ein Grundeinkommen bzw. auf eine bedingungslose Grundversorgung für alle zur Absicherung der sozialen und politischen Freiheit zu. Diese Ansicht vertritt auch John Stuart Mill (1806 – 1873), der sich intensiv mit dem Fourierismus beschäftigte:

„Die von allen Formen des Sozialismus geschickteste Komposition mit der vorausschauendsten Würdigung möglicher Einwände ist die gemeinhin als Fourierismus bekannte. […] Bei der Verteilung wird vorab ein gewisses Minimum zum Lebensunterhalt eines jeden Mitglieds der Gemeinschaft, ob arbeitsfähig oder nicht, reserviert. Der Rest des Ertrags wird nach einem bestimmten, vorab festzulegenden Verhältnis, zwischen den drei Elementen Arbeit, Kapital und Talent aufgeteilt.“ (Mill 1849) [2] [3] da ist leider ein Einfallstor für den sozialismus. Daher muß man diese Festlegung sehr genau, marktwierschaftlich gestalten.

Die Interpretation als Grundeinkommen oder bedingungslose Grundversorgung für alle kann durch eine andere Passage in Considerants Darstellung des Systems der sozialen Reform von Charles Fourier in Frage gestellt werden:

„Da die Verteilung der Arbeiten auf die Serien und Gruppen [eine bestimmte Form der phalansterischen Arbeitsorganisation und -teilung, R. B.] die Eigenheit hat, sie anziehend zu machen, so werden alle Gesellschaftsklassen sich mit Eifer um Stellungen innerhalb all der unendlich verschiedenen Zweige der sozialen Berufe bewerben. das sieht man heute! Genau dahin haben wir uns entwickelt, sobald die freie Berufswahl eingeführt und zugelassen wurde.

Daher wird es überhaupt keine Faulen mehr geben: man wird den armen Genossen den Vorschuss eines Minimums gewähren können zugleich mit der Gewißheit, daß sie am Ende des Jahres mehr, als ihr Verbrauch beträgt, gewonnen haben werden.

So wird die Einführung des sozietären Regimes das Elend und die Bettelei aus der Welt schaffen, jene Geißeln, die untrennbar sind von der Gesellschaft, die auf der Konkurrenz und dem Kleinbetrieb fußt.

Heute wäre es unmöglich, dem Volke den Vorschuss des Minimums zu gewähren, es würde sofort, da die Arbeit ihm widerwärtig ist, in Nichtstun versinken.

Am Schlusse sprach Considerant von der Unermesslichkeit des Glückes, das die Menschheit nach einigen Generationen durch die phalansterische Organisation erreichen wird.“ (Considerant 1841/1844 in Adler 1906a, S. 72)

Diese Passage lässt das Minimum als Vorschuss nur für Arme, also als eine bedürftigkeitsgeprüfte (aber ohne Arbeitszwang gewährte) Vorausleistung erscheinen. Denn Considerant hat – wie auch Fourier – insbesondere die reale Lage der besitzlosen und armen Proletarier im Blick, die durch die pure Existenznot zu Zeiten der kapitalistischen Industrialisierung zur „widerwärtigen“ Arbeit gezwungen werden, dieser ohne Existenznot aber fliehen würden. [4]

Considerant begreift aber für die freie Assoziation sowohl das Minimum als auch die attraktive Arbeit als grundsätzlichen Schlüssel zur Emanzipation der Massen:

„Der Vorschuß des Minimums, das ist die Grundlage der Freiheit und die Garantie für die Emanzipation des Proletariats.

Keine Freiheit ohne Minimum; kein Minimum ohne Arbeitsfreude.

Nur von hier aus geht der Weg zur Emanzipation der Massen.“ (Considerant 1841/1844 in Adler 1906a, S. 72 f.)

„Die Organisation der anziehenden Arbeit ist die conditio sine qua non der Freiheit.“ (Considerant 1841/1844 in Adler 1906b, 96)

Er verweist also mit geschichtlichem Blick darauf, dass die Emanzipation aller Menschen über den Weg der Emanzipation des Proletariats, also der Besitzlosen und bislang Armen, führt. Auch von dieser geschichtlichen Perspektive her gedacht, wäre eine Interpretation des Minimums als Grundeinkommen bzw. bedingungslose Grundversorgung für alle möglich.

Originaltext mit Anhang und Fußnoten: https://www.grundeinkommen.de/27/08/2015/victor-considerant-keine-politische-und-soziale-freiheit-fuer-die-massen-ohne-minimum.html

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