Gedanken zum germanischen Jenseits und germanischen Menschsein

Als Antwort auf den Kommentar zu Notwende zu „die Zukunft ist Trans“:

Das Jenseits, schreibst du, wäre im Artglauben der Germanen ein Ort der Menschen, an dem es – im Gegensatz zur Jenseitsvorstellung des christlichen Glaubens – keine Trans- oder Postmenschen gäbe.
Ganz so klar sehe ich das nicht.
Es wird, wie du weißt, unterschieden zwischen mehreren Ebenen im Jenseits unterschieden. Die große Masse der Toten kommt nach Volkwang (von den Lebensumständen vergleichbar mit dem Jenseits, das die Zeugen Jehovas gerne auf ihren bunten Heftchen abbilden). Dort gibt es weder Hunger noch Krankheit – auch nicht mehr wirklich menschlich, gehört doch zum Menschsein auch Not und Entbehrung.
Dann natürlich der quasi Hochglanz-Prospekt der Jenseitsvorstellung: Walhalla.
Hier sind Übermenschen (Götter) gemeinsam mit Helden und Kriegern zu Hause. Alle können sie den ganzen Tag fressen, saufen (und wahrscheinlich noch mehr). Am Abend dann noch ein Kampfgetümmel, bei dem man nur kurz „stirbt“ – eher etwas wettkampfmäßiges – um hernach über den Kampf in trauter Runde im Antlitz der Götter zu lachen. Meiner Meinung nach ist das bereits Posthumanismus.
Dann noch die Kehrseite: Hel.
Dort brennt zwar kein ewiges Feuer und auch all die anderen Grausamkeiten, die sich die Monotheisten über die Jahrtausende so ausdachten, fehlen gänzlich. Dort ist alles grau, alles schmeckt schal, es gibt keine Gefühlsregungen mehr… ein Zombie lebt aufregender. Meiner Meinung nach ganz eindeutig Cishumanismus.

 

Antwort, die keine ist, sondern nur Gedanken:
Ja, das Lachen im Antlitz der Götter könnte man wirklich als posthuman sehen. Da muß ich meine Zustimmung geben. Vielleicht aber, taten sich unsere Vorfahren nur mit diesem Lachen leichter? Vielleicht war es ihnen Natur, bevor das Christentum und mit ihm die Nacht und die Pharaonenherrscher kamen?

Ich unterscheide „Menschsein“ von seinen irdischen Umständen. Und ich glaube, diese Trennung habe ich unzureichend oder eigentlich überhaupt nicht dargestellt.

Also wie ist Menschsein gedacht, wenn es unter göttlichen oder auch rein geistigen Bedingungen stattfindet?Was ist des Menschen Kern, der das Materielle und den Tod überlebt?

Unter rein geistigen Bedingungen gibt es ja zum Beispiel keine körperlichen Leiden und auch keine psychologischen Leiden. Leiden gehört zwar in die physische Welt, aber nicht zum Menschsein, nicht zum Kern des Menschenwesens.

Der rein geistige Mensch ist auch im Jenseits „Mensch“ und wird weder zum Elementarwesen, noch zu einem Gott, Engel oder Erzengel oder sonst einer anderen Entität.
Also, soweit ich das verstanden habe, ist das so in ziemlich allen Kulturkreisen.

Um zu einem Gespenst oder Dämon zu werden braucht es meist besondere, ich würde sagen, abnormale Umstände insbesondere zum Todeszeitpunkt und oft sind es dann auch nur „Seelenanteile“ die vom eigentlichen „Geistwesen Mensch“ abgetrennt werden und das Wesen „Mensch“ als Geistwesen „entmenschlichen“. Oder es gibt auch noch die Ausnahme, daß Menschen durch ein Eingreifen der Götter verwandelt werden. Physisch in Stein verwandelt werden oder als Sternbild enden. Letzteres ist aber nur ein äußeres Sinnbild für das geistige Leben dieser besonderen Menschen in einem Mythos. Die Imprägnierung der „Errungenschaft“ ihres Lebens in den Kosmos.

Wie kann man sich also jenseitiges „Menschsein“ vorstellen?
Und wie wäre es, wenn Menschsein unter verneinten göttlichen Bedingungen stattfände?
Und wie wäre es, wenn irdisches Menschsein ohne das Spannungsfeld der materiellen und immateriellen Polaritäten stattfände und wie ist das Menschsein in diesem Spannungsfeld der Freiheit, wie wir es derzeit auf der materiellen Erde haben?

In dieser Überlegung zum Menschsein gehört daher Leiden nicht per se zum Menschsein, sondern ist Folge der irdischen menschlichen Freiheit zwischen einem aufgespannten Spannungsfeld von Ja und Nein im materiellen Teil des Menschseins.

Ein Mensch ohne Freiheit und ohne Polarität, ohne ja/nein führt direkt zu Hel, in die von Dir treffend dargestellte fahle, schale Zombiewelt, von „weder Fisch noch Fleisch“.

Einen Postmenschen sehe ich in der Germanischen „Lehre“ nicht, denn der nachtodliche Mensch ist nicht über sich hinausgewachsen, er hat weder seine menschlichen Wünsche oder Triebe abgelegt und auch nicht Ziele in etwas angeblich „Höheres“ oder „Allegemeingültiges“ oder „Menscheitsideales“ verwandelt, das er vorher nicht schon „besessen“ hat.

Der Mensch im germanischen Jenseits ist er selbst geblieben. Er hat im Jenseits auch keine besonderen Erkenntnisse zum Beispiel über sein gelebtes Leben, den Lebenssinn und er geht auch nicht in irgendeiner anderen größeren Geist-Entität auf oder erkennt, daß alle Seelen EINS wären. Er fliegt nicht, er zaubert nicht, er mischt sich nicht in irdisches Leben und hält auch keine Fürsprache für andere Tote aus Liebe wie man im Katholizismus dies von Seligen und Heiligen als Übermenschen, übermenschlich Guten, glaubt.

Nein, der Germane lebt das Menschsein in seiner „Einseitigkeit“ dem „Glück des Menschseins“ zum Beispiel in Walhall. Deinem Hochglanzprospekt…

In dieser Unfreiheit ohne Schöpfertat lebt er zeitlos glücklich immer wieder den selben wunderschönen Tag. Und ewig grüßt das Murmeltier.

Das Schlimmste, was dem Germanen passieren konnte, ist der Verlust der Freiheit, wie man an Hel wohl vermuten kann.

Die Freiheit der Wahl, die Möglichkeiten, die Spannung, bitter, süß, salzig, das Farbspektrum… ohne diese Üppigkeit in der Freiheit landen Menschen in Hel, wo es im Grunde ebenso langweilig zugeht wie in Walhall. Immer das selbe, nur ohne Freude.

Daher schließe ich auch daraus, daß Germanen Freude als ultimatives Göttergeschenk betrachtet haben müssen, die ihnen die immergleiche Walhall Routine als den „Himmel“ erscheinen läßt.

In Hel git es keine göttliche Freude und die dort herrschende Vielfalt wird als Einheitsgrau erlebt. Zumindest aus der Warte der Lebenden. Eine Qual für die in Hel Wandelnden wäre es aber nur, wenn die dortigen Menschen eine Erinnerung an ihr Erdenleben und die dortige Polarität behalten würden oder, eine ebenso wahrscheinliche Variante, ihr Menschsein auch in Hel nicht verlieren würden.

Das Menschsein mit der Fähigkeit zwischen Gegensätzen zu unterscheiden und zu wählen. Das vom Menschen nicht trennbare Wissen um Unterschiede und das stete Suchen aller menschlichen Sinne – die nun aber im Tode physisch nicht mehr vorhanden sind!, das „Ersonnene“ miteinander zu vergleichen und in einem inneren Akt zu einer Schöpfung zusammenzufügen.

Zum Beispiel ermöglicht erst das Erfassen der Unterschiede zwischen Tönen, das Hören des unhörbaren Intervalls (was für ein Mysterium!), aus und mit dem das Gehirn dann eine Melodie kreiert. Ohne Erkennen des „Nichts“ zwischen den Tönen gäbe es für den Menschen keine Musik.

Und nun könnte man weiter überlegen, was außer Freiheit (die der Vielfalt bedarf) und der göttlichen Freudefähigkeit noch zum Menschsein für unsere Vorfahren gehörte, daß Hel für sie so schrecklich war in seiner Fadheit.

Die Fähigkeit zur Langeweile vielleicht? Sehr wahrscheinlich aber die Möglichkeit zu schöpferischem Tun und zum Spiel.
Und nun überlege ich mir, daß wenn man dem Germanen seine Tatkraft und Schöpferkraft nimmt durch Entfleischung, durch die Vergeistigung im Tode, dann braucht er unabdinglich das Geschenk der göttlichen Freude, damit der „Himmel“ im Jenseits ihm nicht zur „Hölle“ wird.

2 Kommentare zu „Gedanken zum germanischen Jenseits und germanischen Menschsein“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s