Kant über die mangelnde Erkenntnisfähigkeit in Auszügen Teil 1

Kant lesen ist nur anfänglich schwierig wegen der ungewohmnten Sprache.

Geisteskranke und Verwirrte:

…Der Einfältige, Unkluge, Dumme, Geck, Thor und Narr unterscheiden sich vom Gestörten nicht blos in Graden, sondern in der verschiedenen Qualität ihrer Gemüthsverstimmung, und jene gehören ihrer Gebrechen wegen noch nicht ins Narrenhospital, d. i. einen Ort, wo Menschen unerachtet der Reife und Stärke ihres Alters doch in Ansehung der geringsten Lebensangelegenheiten durch fremde Vernunft in Ordnung gehalten werden müssen.

Wahnsinn mit Affect ist Tollheit, welche oft original, dabei aber unwillkürlich anwandelnd sein kann und alsdann, wie die dichterische Begeisterung ( furor poeticus ) an das Genie gränzt;

ein solcher Anfall aber der leichteren, aber ungeregelten Zuströmung von Ideen, wenn er die Vernunft trifft, heißt Schwärmerei.

Das Hinbrüten über einer und derselben Idee, die doch keinen möglichen Zweck hat, z. B. über den Verlust eines Gatten, der doch ins Leben nicht zurückzurufen ist, um in dem Schmerz selbst Beruhigung zu suchen, ist stumme Verrücktheit.

Der Aberglaube ist mehr mit dem Wahnsinn,

die Schwärmerei mit dem Wahnwitz zu vergleichen. Der letztere Kopfkranke wird oft auch (mit gemildertem Ausdrucke) exaltirt, auch wohl excentrischer Kopf genannt.

Das Irrereden in Fiebern, oder der mit Epilepsie verwandte Anfall von Raserei, welcher bisweilen durch starke Einbildungskraft beim bloßen starren Anblick eines Rasenden sympathetisch erregt wird (weshalb es auch Leuten von sehr beweglichen Nerven nicht zu rathen ist, ihre Curiosität bis zu den Clausen dieser Unglücklichen zu erstrecken), ist als vorübergehend noch nicht für Verrückung zu halten. Was man aber einen Wurm nennt , nicht Gemüthskrankheit; denn darunter versteht man gewöhnlich ein an Wahnsinn gränzender Hochmuth des Menschen, dessen Ansinnen, daß andere sich selbst in Vergleichung mit ihm verachten sollen, hier kommen einem doch sofort die GrüniXe und Thunfische in den Sinn, oder? ) seiner eigenen Absicht (wie die eines Verrückten) gerade zuwider ist; indem er diese eben dadurch reizt, seinem Eigendünkel auf alle mögliche Art Abbruch zu thun, ihn zu zwacken und seiner beleidigenden Thorheit wegen dem Gelächter blos zu stellen.

Gelinder ist der Ausdruck von einer Grille ( marotte ), die jemand bei sich nährt: ein populär sein sollender Grundsatz, der doch nirgend bei Klugen Beifall findet, z. B. von seiner Gabe der Ahndungen, Gewissen dem Genius des Sokrates ähnlichen Eingebungen, Gewissen in der Erfahrung begründet sein sollenden, obgleich unerklärlichen Einflüssen, als der Sympathie, Antipathie, Idiosynkrasie ( qualitates occultae ), die ihm gleichsam wie eine Hausgrille im Kopfe tschirpt und die doch kein anderer hören kann.

Die gelindeste unter allen Abschweifungen über die Gränzlinie des gesunden Verstandes ist das Steckenpferd; eine Liebhaberei sich an Gegenständen der Einbildungskraft, mit denen der Verstand zur Unterhaltung bloß spielt, als mit einem Geschäfte geflissentlich zu befassen, gleichsam ein beschäftigter Müßiggang.

Für alte, sich in Ruhe setzende und bemittelte Leute ist diese gleichsam in die sorglose Kindheit sich wieder zurückziehende Gemüthslage nicht allein als eine die Lebenskraft immer rege erhaltende Agitation der Gesundheit zuträglich, sondern auch liebenswürdig, dabei aber auch belachenswerth; so doch daß der Belachte gutmüthig mitlachen kann. – Aber auch bei Jüngeren und Beschäftigten dient diese Reiterei zur Erholung, und Klüglinge, die so kleine unschuldige Thorheiten mit pedantischem Ernste rügen, verdienen Sterne’s Zurechtweisung: „Laß doch einen jeden auf seinem Steckenpferde die Straßen der Stadt auf und nieder reiten: wenn er dich nur nicht nöthigt hinten aufzusitzen.“

 

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