Kant: Anthropologie Teil 2

§ 46. Dem es an Witz mangelt, ist der stumpfe Kopf ( obtusum caput ).

Er kann übrigens, wo es auf Verstand und Vernunft ankommt, ein sehr guter Kopf sein; nur muß man ihm nicht zumuthen, den Poeten zu spielen: wie dem Clavius, den sein Schulmeister schon beim Grobschmied in die Lehre geben wollte, weil er keine Verse machen konnte, der aber, als er ein mathematisches Buch in die Hände bekam, ein großer Mathematiker ward.

Ein Kopf von langsamer Begreifung ist darum noch nicht ein schwacher Kopf;

so wie der von behenden Begriffen nicht immer auch ein gründlicher, sondern oft sehr seicht ist.

Der Mangel an Urtheilskraft ohne Witz ist Dummheit ( stupiditas ).

Derselbe Mangel aber mit Witz ist Albernheit.

Wer Urtheilskraft in Geschäften zeigt, ist gescheut.

Hat er dabei zugleich Witz, so heißt er klug.

Der, welcher eine dieser Eigenschaften blos affectirt, der Witzling sowohl als der Klügling, ist ein ekelhaftes Subject.

Durch Schaden wird man gewitzigt;

wer es aber in dieser Schule so weit gebracht hat, daß er andere durch ihren Schaden klug machen kann, ist abgewitzt.

Unwissenheit ist nicht Dummheit: wie eine gewisse Dame auf die Frage eines Akademikers: „Fressen die Pferde auch des Nachts?“ erwiederte: „Wie kann doch ein so gelehrter Mann so dumm sein?“ Sonst ist es Beweis von gutem Verstande, wenn der Mensch auch nur weiß, wie er gut fragen soll (um entweder von der Natur oder einem anderen Menschen belehrt zu werden).

Einfältig ist der, welcher nicht viel durch seinen Verstand auffassen kann; aber er ist darum nicht dumm, wenn er es nicht verkehrt auffaßt.

Ehrlich, aber dumm (wie einige ungebührlich den pommerschen Bedienten beschreiben), ist ein falscher und höchst tadelhafter Spruch. Er ist falsch: denn Ehrlichkeit (Pflichtbeobachtung aus Grundsätzen) ist praktische Vernunft.

Er ist höchst tadelhaft: weil er voraussetzt, daß ein jeder, wenn er sich nur dazu geschickt fühlte, betrügen würde, und, daß er nicht betrügt, bloß von seinem Unvermögen herrühre.

Daher die Sprichwörter: „Er hat das Schießpulver nicht erfunden, er wird das Land nicht verrathen,  er ist kein Hexenmeister“ menschenfeindliche Grundsätze verrathen: daß man nämlich bei Voraussetzung eines guten Willens der Menschen, die wir kennen, doch nicht sicher sein könne, sondern nur beim Unvermögen derselben.

So, sagt Hume, vertraut der Großsultan seinen Harem nicht der Tugend derjenigen, welche ihn bewachen sollen, sondern ihrem Unvermögen (als schwarzen Verschnittenen) an.

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