Kant und die Zerstreuung als Gemütsschwäche: Anthropologie Teil 4

§ 47. Zerstreuung ( distractio ) ist der Zustand einer Abkehrung der Aufmerksamkeit ( abstractio ) von gewissen herrschenden Vorstellungen durch Vertheilung derselben auf andere, ungleichartige.

Ist sie vorsetzlich, so heißt sie Dissipation;

die unwillkürliche aber ist Abwesenheit ( absentia ) von sich selbst.

Es ist eine von den Gemüthsschwächen, durch die reproductive Einbildungskraft an eine Vorstellung, auf welche man große oder anhaltende Aufmerksamkeit verwandt hat, geheftet zu sein und von ihr nicht abkommen, d. i. den Lauf der Einbildungskraft wiederum frei machen zu können.

Wenn dieses Übel

  • habituell (Anm: gewohnheitsmäßig) und
  • auf einen und denselben Gegenstand gerichtet wird,

so kann es in Wahnsinn ausschlagen.

In Gesellschaft zerstreut zu sein, ist unhöflich, oft auch lächerlich.

Das Frauenzimmer ist dieser Anwandlung gewöhnlich nicht unterworfen; sie müßten denn sich mit Gelehrsamkeit abgeben.

Ein Bedienter, der in seiner Aufwartung bei Tische zerstreut ist, hat gemeiniglich etwas Arges, entweder was er vorhat, oder wovon er die Folge besorgt, im Kopfe.

Aber sich zu zerstreuen, d. i. seiner unwillkürlich reproductiven Einbildungskraft eine Diversion machen, z. B. wenn der Geistliche seine memorirte Predigt gehalten und das Nachrumoren im Kopf verhindern will, dies ist ein nothwendiges, zum Theil auch künstliches Verfahren der Vorsorge für die Gesundheit seines Gemüths.

Ein anhaltendes Nachdenken über einen und denselben Gegenstand läßt gleichsam einen Nachklang zurück, der (wie eben dieselbe Musik zu einem Tanze, wenn sie lange fortdauert, dem von der Lustbarkeit Zurückkehrenden noch immer nachsummt, oder wie Kinder ein und dasselbe bon mot von ihrer Art, vornehmlich wenn es rhythmisch klingt, unaufhörlich wiederholen) – der,  sage ich, den Kopf belästigt und nur durch Zerstreuung und Verwendung der Aufmerksamkeit auf andere Gegenstände, z. B. Lesung der Zeitungen, gehoben werden kann.

Das sich Wiedersammeln ( collectio animi ), um zu jeder neuen Beschäftigung bereit zu sein, ist eine die Gesundheit des Gemüths befördernde Herstellung des Gleichgewichts seiner Seelenkräfte.

Dazu ist gesellschaftliche, mit wechselnden Materien – gleich einem Spiel – angefüllte Unterhaltung das heilsamste Mittel;

sie muß aber nicht von einer auf die andere wider die natürliche Verwandtschaft der Ideen abspringend sein; denn sonst geht die Gesellschaft im Zustande eines zerstreuten Gemüths auseinander, indem das Hundertste mit dem Tausendsten vermischt und Einheit der Unterredung gänzlich vermißt wird, also das Gemüth sich verwirrt findet und einer neuen Zerstreuung bedarf, um jene los zu werden. 

Man sieht hieraus: daß es eine (nicht gemeine) zur Diätetik des Gemüths gehörige Kunst für Beschäftigte giebt, sich zu zerstreuen, um Kräfte zu sammeln.

Wenn man aber seine Gedanken gesammelt, d. i. in Bereitschaft gesetzt hat, sie nach beliebiger Absicht zu benutzen, so kann man doch den, der an einem nicht schicklichen Orte oder in einem dergleichen Geschäfts=Verhältniß zu Anderen seinen Gedanken geflissentlich nachhängt und darüber jene Verhältnisse nicht in Acht nimmt, nicht den Zerstreuten nennen, sondern ihm nur Geistesabwesenheit vorwerfen, welche freilich in der Gesellschaft etwas Unschickliches ist.

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