liest man nicht überall: von den Tabus aus der Besatzerzeit

zu Ulrich Bausch, dem Autor des Hauptartikels lese man auch hier: https://www.kontextwochenzeitung.de/debatte/411/zum-schweigen-bringen-5709.html

Zum Schweigen bringen

Von Gastautor Ulrich Bausch  Datum: 13.02.2019
In der Reutlinger Volkshochschule wird eine Ausstellung massiv angefeindet, die Flucht und Vertreibung der Palästinenser behandelt.
Der Vortrag des Journalisten Andreas Zumach dort sollte verhindert werden. Unser Autor leitet die Volkshochschule, er sieht die Meinungsfreiheit in der Israeldebatte in Gefahr.

Andreas Zumach ist ein exzellenter Journalist und ein Ausnahmetalent in der Erwachsenenbildung. Er arbeitet überwiegend von Genf aus, als UNO-Berichterstatter für viele Medien, und er ist seit Jahrzehnten gern gesehener Gast in Volkshochschulen und anderen Einrichtungen der Erwachsenenbildung, denn er besitzt die seltene Fähigkeit, komplexe Sachverhalte ohne Vereinfachung verständlich zu machen. Obwohl er hohe Anerkennung genießt, wurde Zumach im Dezember 2018 von der Evangelischen Erwachsenenbildung (EEB) Karlsruhe ausgeladen, für die er den Vortrag „Israels wahre und falsche Freunde“ halten sollte. Der zuständige Dekan Thomas Schalla teilte ihm mit, die Veranstaltung könne aufgrund von „Irritationen verschiedener Art“ nicht stattfinden. Solange Rosenberg von der Jüdischen Kultusgemeinde Karlsruhe hatte bei der EEB interveniert, denn Zumach sei bereits mit israelfeindlichen Äußerungen aufgefallen. Andreas Zumach intervenierte sofort seinerseits, und in der Folge willigte Solange Rosenberg ein, alle Anschuldigungen schriftlich zu widerrufen. Doch trotz schriftlicher Unterlassungserklärung blieb Dekan Schalla bei seiner Absage…. weiterlesen

 

https://www.lpb-bw.de/publikationen/besatzer/us-pol7.htm

Ulrich Bausch

„Langsam glaube ich, auch Hitler war kein Nazi.“
Amerikanische Besatzungsoffiziere zwischen Nähe und Distanz



Thema ist tabu

Das Thema der Beziehung von einheimischen Frauen zu amerikanischen Soldaten ist immer noch einer der Tabu-Bereiche, auch im Nationalarchiv in Maryland, also dort, wo sich das Nationalarchiv von Washington befindet. Man hat mittlerweie eigentlich einen Zugriff auf so ziemlich alles, aber auf die Akten der „Legal Division“ konnte ich trotz vielerlei Anträge keinen Zugriff kriegen. Dort ist alles Material gesammelt, das mit diesem Problemfeld zu tun hat. Es gab viele Fälle, wo Mütter ihre, ja, erwachsenen Töchter mehr oder minder in Kontakt brachten mit Amerikanern – gezielt -, aber aus der schieren Not heraus, weil es Hunger gab. Viele wußten sich wirklich nicht anders zu helfen. Aber diese Akten sind nach wie vor unter Verschluß. Das ist auch den Amerikanern sehr unangenehm.


Politische Hintergründe des Fraternisierungsverbotes

Die Fraternisierung hatte einen Hintergrund, den wir jetzt vielleicht auch aus Zeitgründen nicht so ausführlich darstellen konnten. Ich möchte nur anreißen: Ein ganz wichtiger Aspekt der Fraternisierung liegt ursächlich gar nicht hier in Europa, sondern in den Vereinigten Staaten selbst. Franklin D. Roosevelt hatte enorme Angst vor der öffentlichen Meinung in
den U.S.A., und zwar nicht nur, weil die Isolationisten noch relativ stark waren und es immer noch in der amerikanischen Presse eine heftige Debatte gab. In „Reader’s Digest“, in „Harper’s Magazine“ tobte gewissermaßen ein Artikelkampf gegen eine Invasion Europas. Die haben gesagt: „Was Ihr da macht, das ist ein Massengrab für unsere jungen amerikanischen Männer. Laßt doch Europa Europa sein und bleibt hier!“ Man hatte also enorme Angst vor der öffentlichen Meinung unter anderem deswegen, weil Roosevelt seit dem Jahr 1942 ein ganz schwieriges Problem hatte: Er wußte von einer Sache, die in der amerikanischen Öffentlichkeit auf gar keinen Fall bekannt werden durfte. Es gab sehr extensive Handelsbeziehungen der amerikanischen Industrie mit Hitler. Unter anderem hat die Firma ITT monatlich im Jahr 1944 etwa 50.000 Granatzünder an Hitler geliefert. Diese Geschäfte wurden über die Schweiz abgewickelt. Die Firma STANDARD OIL OF NEW JERSEY hat Hitler mit Benzin versorgt. Die gesamte High-Tech der damaligen Zeit, also etwa die Funk-Ausrüstung für die U-Boote kam aus den U. S.A. – Roosevelt wußte das, er konnte aber nichts dagegen tun. Denn wenn er das gemacht hätte, wäre es bekannt geworden, und das hätte selbstverständlich die Moral der amerikanischen Truppe unterminiert. Stellen Sie sich vor, die amerikanische Öffentlichkeit hätte gewußt, daß die GI’s von den eigenen Zündern zerfetzt werden. Das wäre natürlich fürchterlich gewesen. Von daher war Roosevelt sehr empfindlich, was die Diskussion in der amerikanischen Presse anlangte. Und deshalb war es sehr wichtig, daß man immer unterstreicht: Es gibt keine Fraternisierung, das ist ein feindliches Land. Wir werden alles unterbinden, was zur Verbrüderung führt. General Patton immer: Na ja, Verbrüderung bezieht sich ja nur auf die Männer. Und was die Frauen betrifft, da gab es dann eine schmunzelnde, gewissermaßen Duldung dessen, was grade angesprochen wurde.


1945 gab es keine Nazis mehr

Ich möchte einsteigen mit einem scheinbar harmlosen Zitat, das im Programm steht; ich habe es vor etlichen Jahren im Stadtarchiv Stuttgart gefunden. Da hat ein amerikanischer Offizier einem einheimischen Mitarbeiter gegenüber erklärt: „Langsam glaube ich – auch Hitler war kein Nazi!“ Ich habe dann mal nachgeforscht, wer das eigentlich gesagt hat. Das war ein gewisser John Boxer, und es stellte sich heraus, daß er der Chef einer Abteilung war, über die eigentlich sehr, sehr wenig bekannt war. Im Hauptstaatsarchiv Stuttgart finden wir nur die Notiz. daß die Überlieferung der Information Control Division verschollen sei. Ich hatte dann in Washington das Glück, die Unterlagen zu finden. Diesen zunächst harmlosen Satz fand ich deswegen so spannend, weil in dieser ironischen Anspielung ja relativ viel steckt. Darin steckt die Verwunderung „Ja, wo sind die eigentlich geblieben?“ Das ist natürlich auch eine ironische Provokation, aber es soll heißen: Die NSDAP verschwand gleichsam über Nacht, keiner war dabei, niemand hat etwas gesehen, irgendwie waren wir alle Opfer.

Die „Information Control Division“ wertete das als Ausdruck der deutschen Autoritätshörigkeit, als Ausdruck des deutschen Opportunismus. Da war man frustiert darüber, da war man verärgert darüber. Die „Information Control Division“ hat mehrere Psychoanalytiker unter Leitung des Psychoanalytikers Debbis aus den U.S.A. eirifliegen lassen. Die waren vor allem in Kornwestheim tätig im Internierungslager und hatten den Auftrag, sie sollten doch mal das typische psychologische Profil eines fanatischen Nazis erstellen. Nach zwei Wochen sind sie unverrichteter Dinge wieder abgezogen und haben gesagt: „Entschuldigung, das ist nicht möglich! Das sind eigentlich alles nette Leute, die sagen: ‚Ja, ich war auch nur eine ganz kleine Kartoffel.‘- So das Zitat eines Gauleiters.“ Die Psychoanalytiker waren völlig konsterniert darüber, daß alle irgendwie sagten: „Ja, ja – sicher, wir waren da verwickelt. Aber wir waren gezwungen und wir mußten mitmachen“. John Boxer hat immer wieder den Wunsch geäußert, er möchte wirklich einmal einen Nazi kennenlernen. Herr Herr, der hiesige Polizeichef in Stuttgart.,der kam eines Tages: „So, jetzt habe ich einen gefunden!“ Dann wurde Herr Boxer ins Polizeigefängnis geleitet, und man hat ihm gleichsam eine exotische Blüte, ein ganz seltenes Exemplar vorgeführt und war stolz darauf: Jetzt haben wir endlich einen Nazi gefunden – weil es die ja eigentlich so gut wie gar nicht gibtl!“ Und das war dann ein Gauleiter aus Estland, und dieser hat zunächst einmal sehr ausführlich erklärt, wie sorgältig er 600 Todesurteile geprüft hätte, bis er sie dann schließlich morgens um 6.00 Uhr unterschrieben hätte. Aber eigentlich sei sein Interesse die Rosenzucht, und er würde sich seit Jahren im Rheinland mit Rosenzucht beschäftigen. Und er wollte dann John Boxer in einen Diskurs über Rosenzucht verwickeln.


Skepsis der Amerikaner

Die amerikanischen Besatzungsoffiziere der „Information Control Division“, die zuständig war für Presse, für das Verlagswesen, für Radio, für Musik, für Kino, für Kultur – also Medien, Kultur und Öffentlichkeit, die hatten einerseits den Auftrag, eng mit Einheimischen zusammenzuarbeiten, um Leute zu finden, mit denen man kooperieren könne, und auf der anderen Seite wußten sie nie so genau: Wo sind wir eigentlich dran, können wir den Leuten trauen? Das war eines der großen Probleme. Es war in der Anfangszeit auch völlig unklar, wie lange eigentlich die Besatzungszeit dauern würde. Roosevelt hat offiziell immer für eine sehr, sehr kurze Besatzungszeit plädiert wegen der Ängste der amerikanischen Öffentlichkeit. In den internen Berichten, im „Manual Of Occupation For Germany“, ist bereits bevor Hitler den U.S.A. den Krieg erklärt hatte an einem Handbuch für die Besatzungszeit gearbeitet. Da wurde davon ausgegangen, daß die Besatzungsregierung in Deutschland wahrscheinlich 40 – 50 Jahre arbeiten müßte. Für das Jahr 1980 wurde eine gesamtdeutsche Bevölkerungszahl von maximal 40 Mio. prognostiziert. Man hat unmittelbar nach Kriegsende prominente Einheimische befragt. Beispielsweise gibt es ein sehr umfangreiches Dossier über Martin Niemöller. Er sagte auch, es werde jahrzehntelanges Elend unter Fremdherrschaft geben. Das war zunächst einmal der psychologische Hintergrund, vor dem diese jungen Besatzungsoffiziere Mitte zwanzig hier anfingen zu arbeiten.


Demokratischer Neubeginn

Nun, ein völlig anderes, keineswegs so pessimistisches Bild zeichnen die Erinnerungen der ersten einheimischen Politiker. Da gibt es die Kennmarke des ‚Demokratischen Neubeginns‘ – die lange Zeit selbstverständliches Etikett unserer Geschichtsschreibung war; Reinhold Maier hat da einen nicht unerheblichen Beitrag dazu geleistet. Er hat in einem Aufsatz gesagt, die Amerikaner seien unmittelbar nach dem Krieg, im Juni 1945, ganz erstaunt darüber gewesen, wie demokratisch es hier zugehe: ein Offizier habe gesagt: „Mensch, bei euch geht’s ja gerade so demokratisch zu wie bei uns in Connecticut!“Das Zitat hält der Überprüfung nicht stand. Dieser Offizier hatte den Auftrag, diese einheimischen Politiker in Demokratie zu unterweisen. Er hat mit ihnen Schulungen gemacht, auf einer kurzen Tagung, und am Ende dieser Schulung hat er gesagt: „So, jetzt geht es bei Euch auch demokratisch zu!“ Er wollte eigentlich sich selber loben für seinen Erfolg im Schnellkurs in Demokratie. Aber dieses Reinhold-Maier-Zitat steht gewissermaßen für das Wunschdenken, wonach die Besatzer zur Schaffung einer neuen Demokratie eigentlich gar nicht notwendig gewesen wären. Und diese Perspektive, daß die U.S.-Besatzer eigentlich irgendwie überflüssig waren, macht natürlich nicht deutlich, warum sie dann doch ein paar Jahre hier waren und dies auch für notwendig hielten.


Arbeit der Kulturoffiziere

Es gibt eine ganz andere Lesart der Nachkriegsgeschichte, die ich für genauso falsch halte wie diese These vom voraussetzungslosen demokratischen Neubeginn. Das ist die These, die in den 70er Jahren populär war, die These von der Restauration, die also im Kontext einer kontroversen Debatte über die Rolle der U.S.A. in Indochina entwickelt wurde. Es gibt Kontinuitätslinien im Bereich der Justiz und im Bereich der Wirtschaft. Das wurde zum Teil auch schon in den 50er Jahren berechtigt kritisiert. Aber ein „Status quo ante“ kann natürlich nicht ernsthaft beschrieben werden. Die Transformationsphase muß sehr differenziert beschrieben werden. Es gibt eine ganze Reihe von Arbeiten über die Rolle dieser Kulturoffiziere. Aus Zeitgründen möchte ich jetzt nicht diese Arbeiten analysieren. Nur so viel: Eine ganze Reihe von Autoren gehen davon aus, daß diese jungen Kulturoffiziere eigentlich überfordert gewesen seien. Sie seien zu jung gewesen und nicht hinreichend qualifiziert. Teilweise wird auch die These vertreten, diese Kulturoffiziere hätten den Grundstein für die Demokratiedefizite der 50er und 60er Jahre gelegt, also für das Weiterleben der obrigkeitsstaatlichen Orientierung, denn die jungen 25jährigen Kulturoffiziere hätten diesen stämmigen Routiniers der einheimischen Politik nichts entgegenzusetzen gehabt. Dieser These kann ich nicht folgen. Man kann nachweisen, daß in diesem Bereich der „Information Control Division“ es absolut genug Neuanfänge gegeben hat, und das ist eigentlich vor dem Hintergrund der Beziehung dieser jungen Leute den Einheimischen gegenüber sehr erstaunlich. Diese Abteilung kontrollierte die Bereiche Theater – Musik – Kino – Radio -Verlagswesen – Zeitschriften – Tagespresse.


Zeitungen

Es gelang ihnen, einen tatsächlichen Neuanfang im Journalismus durchzusetzen: die Implantierung des angelsächsischen Journalismusideals, also die scharfe Trennung zwischen Meinung und Meldung, zwischen Nachricht und Kommentar. Wenn Sie die Presse aus der Zeit in den 30er Jahren lesen, werden Sie im hiesigen Journalismus immer eine merkwürdige Gemengelage zwischen Meinung und Meldung finden. Eine saubere Trennung zwischen Nachricht und Kommentar war einfach nicht üblich. Und dies durchzusetzen, ist eine der großen Leistungen der Presseabteilung der „Information Control Division“.


Rundfunk

Aber es gelang ihnen auch, einen staatsunabhängigen Rundfunk durchzusetzen – übrigens gegen den Willen von Reinhold Maier, der der Meinung war, man müsse den Rundfunk unmittelbar unter die Kontrolle der Staatskanzlei stellen. Auch andere Parteien waren dieser Meinung. Die Kommunisten waren der Meinung, man müßte hier scharfe Zensur und Kontrolle üben, um „reaktionäre Propaganda“ zu verhindern – wie sie es formuliert hatten. Und die CDU war der Meinung, man müsse die öffentliche Moral schützen, und deswegen sei eben Kontrolle notwendig, um beispielsweise „Auswüchse an Pornographie“ zu verhindern. Das Spektrum der Begründungen war also sehr unterschiedlich, aber die Vorstellung, daß die Obrigkeit sowohl im Rundfunkbereich als auch im Pressebereich kontrolliert, die hielten die einheimischen Politiker eigentlich für selbstverständlich. Das ging bis in den Kino-Bereich. Reinhold Maier wollte eine eigene, staatlich-kontrollierte württembergische Spielfilmproduktion mit der drolligen Begründung, man müsse doch katholische Propaganda aus Bayern verhindern! Und wenn die Spielfilme jetzt in München produziert würden, sei das eine Gefährdung des hiesigen Pietismus.


Kultur ohne Zensur

Viele einheimische Nachkriegspolitiker hatten die größten Schwierigkeiten, sich mit der Vorstellung anzufreunden, daß es so etwas wie kontrollfreie kulturelle Räume gibt. Daß Kultur von niemand kontrolliert wird, daß es eine unabhängige Presse gibt, war zunächst einmal vielen Einheimischen fremd. Das führte dazu, daß die Mitarbeiter der „Information Control Division“ jahrelang zu den Bürgermeistern beispielsweise hingehen mußten, um zu sagen, es sei einfach nicht ihr Job zu bestimmen, welches Theaterstück gespielt werde und wie oft es Kultur in ihrem Dorf gebe. Hier gab es andere Vorstellungen. Dies aber tatsächlich durchzusetzen, war schwierig. Warum? Die Einheimischen sagten: „Moment mal. Ihr Amerikaner habt uns doch ausgesucht; wer hat mich denn hier zensiert? Wer hat mich denn auf diesen Stuhl gesetzt? Das wart Ihr, und deswegen entscheide ich jetzt auch! Und dann zu sagen, ja, ja, wir wollen schon, daß Sie hier Bürgermeister sind, und wir haben Sie überprüft, und wir finden eigentlich, daß Sie ein Mensch sind, der keine Schuld auf sich geladen hat, aber dennoch haben wir andere Vorstellungen von Demokratie und sind nicht der Meinung, daß es Ihnen zusteht, beispielsweise eine Kinovorführung einfach deswegen zu verbieten, weil Sie der Meinung sind, daß es im Dorf kein Kino geben soll!“ Gerade im Bereich der Spielfilme gab es große Probleme.

Ich möchte nun das, was die „Information Control Division“ im einzelnen getan hat, nicht ausführen, sondern mir geht es eigentlich darum, der Frage nachzugehen: Wie haben sich die Rahmenbedingungen dieser Beziehung eigentlich gestaltet? Und welche Faktoren sind maßgeblich, daß diese Kooperation doch ein Erfolg wurde gemessen an den Erwartungen, die beide Seiten damals hatten. Sowohl die Einheimischen als auch die Amerikaner waren äußerst skeptisch, ob das denn funktionieren würde. Vor diesem Hintergrund sage ich, es ist eigentlich ein verblüffender Erfolg geworden in diesem Bereich.

In den Köpfen der Einheimischen wie der Amerikaner herrschten sehr pauschalierte Bilder über die Situation der jeweils anderen vor, und auf diese möchte ich kurz eingehen.

Die emotionale Befindlichkeit vieler Einheimischer erfuhr eine wesentliche Prägung durch Angst, durch Unsicherheit, durch ein Gefühl der Machtlosigkeit und tiefer Frustration. Da war zunächst einmal die Angst um Angehörige. Man konnte zwar innerhalb von wenigen Wochen vielleicht in Erfahrung bringen, wie es um die Schicksale der Verwandten im Nachbardorf stand, aber es dauerte Monate, bis man herausbekam, wie es eigentlich denen ging, die in einer anderen Besatzungszone lebten. Und Sie wissen alle, daß auf die Heimkehr von Kriegsgefangenen sehnsüchtig jahrelang gewartet wurde. Von den 95.000 Kriegsgefangenen, die bis Ende 1949 ins damalige Land Württemberg-Baden zurückkehrten, waren Mitte 1947 noch nicht einmal 8.000 wieder zu Hause. Angst um die Angehörigen und Angst vor drohender Hungersnot waren vorherrschend. Auch in Stuttgart war es keineswegs selten, daß wir ausgemergelte Kinder mit großen Köpfen und aufgetriebenen Bäuchen sahen. Es gibt eine Studie von Herrn Klett, die er damals in Auftrag gegeben hat, über die
Zuteilungsmengen. Die Leute hatten oft weniger als ein Drittel dessen, was sie eigentlich unbedingt gebraucht hätten zum Überleben.

Dann war aber noch eine sehr viel tiefere Verunsicherung mit Blick auf die nächste Zukunft. Die Möglichkeit, sich auf ein vertrautes soziales Umfeld zu beziehen, war in vielen Fällen nicht mehr gegeben. Im Land draußen, im Strohgäu, aber auch in vielen anderen Bereichen gab es dann sehr schnell demographische Veränderungen: Bis 1950 wurden über 700.000 Heimatvertriebene hier seßhaft. Die größeren Städte waren zerstört. Man hat aus diesem Grund versucht, diese Menschen in ländlichen Dorfgemeinden unterzubringen. Beispielsweise in Unterriexingen kamen auf 600 Einwohner 700 Flüchtlinge. Das war ein Stück Sprengstoff! Die Einheimischen, die Hiesigen sagten: „Das Wenige, was wir jetzt noch haben, sollen wir das auch noch mit den Fremden teilen?“ Und die Fremden sagten: „Wieso sollen wir die Hauptlast des verlorenen Krieges tragen?“ Das war eine schwierige Situation. Dann kam ortsfremde Konfession dazu; mit manchen hatte man sprachliche Verständigungsschwierigkeiten.

Die Probleme mit der Wohnungsnot wurden heute schon angesprochen. Da hat man zu Recht den Kopf geschüttelt, wenn – wie das oben Richtung Sillenbuch war oder auch in anderen Stadtteilen – ganze Straßenzüge gewissermaßen für die Amerikaner freigehalten wurden und diese dann aber zunächst einmal gar nicht einzogen und die Wohnungen dann leerstanden. Das konnte man nicht verstehen. Aber es gab auch das Gefühl der Machtlosigkeit. Lebensmittel wurden zugeteilt, über Wohnraum verfügten die Machthaber je nach Belieben. Die neuen, von der Militärregierung ausgewählten Funktionsträger wurden zwar im Hinblick auf ihre Ernährungslage und die Versorgung mit Wohnraum besser gestellt, aber in ihrer Entscheidungskompetenz waren sie vom Willen der neuen Machthaber eben doch abhängig. Die Amerikaner haben ihre Verbote und Anweisungen sehr häufig nur mündlich ausgesprochen. Das war auch etwas Neues für die einheimischen Funktionsträger. Warum bekomme ich das nicht schriftlich? Wo steht das? Wie soll ich das jetzt abheften, wenn es gar nicht schriftlich ist? Ein großes Problem. Die Amerikaner haben natürlich gesagt: „Eigentlich sind wir ja die Künder von Freiheit und Demokratie, und deswegen wollen wir eigentlich nicht, daß das dokumentiert wird.,daß wir die Freiheit hier per Zwang installieren wollen.“

Die waren sich über diese äußerst widersprüchliche Sache im klaren und haben schon in den Handbüchern der Besatungskonzeption geschrieben, daß das möglicherweise für Amerika selbst schwierig werden wird, wenn man hier versucht, Freiheit gewissermaßen mit Mitteln des Befehls zu installieren. Aber es machte sich dann auch Enttäuschung breit, weil die Politik der Besatzer in vielen Fällen überhaupt nicht nachvollziehbar war. Es gab die „austerity policy“ – also, die Anweisung, den Einheimischen in kühler, strenger Distanz zu begegnen. Das hat die Armee über weite Strecken auch gemacht. Es gibt viele Berichte über hochnäsiges und arrogantes Verhalten der Armee. Viele Stuttgarter waren fassungslos, daß die Armee aus Gründen der Lebensmittelhygiene Lebensmittel verbrannte, und einheimische Kinder zusahen, wie Lebensmittel verbrannt wurden.


Leben der Amerikaner

Ganz anders die Situation der Leute, die auf der amerikanischen Seite Entscheidungskompetenz hatten. Insbesondere waren die Mitarbeiter der „Information Control Division“ absolut privilegiert. Existentielle Sorgen hatten sie nicht, sie waren auch innerhalb der Besatzungsregierung sehr privilegiert. Sie verfügten über die besten Wohnungen in unbeschädigten Stadtvierteln. Sie aßen in erstklassigen Kantinen. Sie hatten eine erstklassige medizinische Versorgung, also auch Zugang zu Penicillin und ähnlichem. Sie konnten über jede Zonengrenze hinweg reisen, und sie waren hervorragend ausgestattet. Der hiesige Verantwortliche für das Verlagswesen, Ewald Schnitzer, hat übrigens eine interessante Biographie. Dieser amerikanische Ewald Schnitzer kam in Wirklichkeit aus Leipzig, hatte in Leipzig im Verlagswesen gearbeitet und wurde dann von der amerikanischen Regierung wieder in diesem Bereich eingesetzt. Er war dabei, wie im Sommer 1945 sechs amerikanische LKW’s in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in die sowjetische Zone eindrangen, nach Leipzig fuhren, dort alles wertvolle bibliographische Material beschlagnahmten, alles einluden, was irgendwie wertvoll war, um es hier in die westliche Zone zu bringen. Hier in Stuttgart haben sie es wieder ausgeladen. Dank Ewald Schnitzers Sach- und Ortskompetenz und übrigens gegen jegliche Absprachen mit den Sowjets: das wurde in dieser Nacht-und-Nebel-Aktion gemacht.


Privilegierten-Status

Im wirtschaftlichen Bereich war es ebenso. Die Süddeutsche Apparatefabrik wurde ebenfalls schnell in den Westen transferiert. Warum? Weil die Süddeutsche Apparatefabrik eine hundertprozentige Tochter von ITT war. Ewald Schnitzer war hier in Stuttgart tätig für das Verlagswesen. Er hatte nicht nur für den Dienstwagen einen Chauffeur, er hatte auch für seinen Privatwagen – einen großen, riesengroßen amerikanischen Buick – einen Chauffeur, und dieser amerikanische Buick war lila lackiert. Wenn man sich in dieser Ruinenstadt ein offenes Cabrio, ein großes pinkfarbenes, mit rotem Leder ausgeschlagenes Cabrio vorstellt, und da sitzt dann der Offizier hinten drin, kann man sich denken, was die Einheimischen darüber gedacht haben. Er hat mir erzählt, das sei eine faszinierende Zeit gewesen, und sie waren sich über ihren Privilegierten-Status absolut bewußt. John Boxers Frau schrieb in einem Brief: „Wir haben über’s Wochenende viele Ausflüge gemacht. Ich bin mit John in Paris gewesen und in Luxemburg, in München. Wir sind hier ‚rumgereist. Wir haben ein sehr, sehr luxuriöses Leben gelebt. Wir haben uns immer „Princes of Arcadia“ genannt. Wir lebten auf einer absolut luxuriösen Höhe, die uns manchmal auch unangenehm war, aber so war das eben. Dann waren wir am Wochenende in Berchtesgaden, da gab es einen schönen Offiziersclub. Wir sind schnell auf den Watzmann gestiegen, dann wieder zurück nach Stuttgart.“ In vielen Schreiben finde ich Ähnliches. Ein anderer ICD-Mitarbeiter schreibt: „Am letzten Wochenende waren in Paris so viele Amerikaner, daß einem die Ritz-Bar gerade wie zu Hause vorkam. Emmi ist dann nach Aix-En-Provence gefahren, um eine Schlankheitskur zu machen. Sie kommt Ende Juli wieder zurück, und dann fahren wir ja alle nach Biarritz.“


Amerikaner untereinander

Die Mitarbeiter der „Information Control Division“ befanden sich aber nicht nur gegenüber Einheimischen in einer Vorzugsstellung, sie wurden auch intern angegriffen von anderen Abteilungen der Militärregierung. Sie hatten die weitreichendsten Kompetenzen. Sie sprachen fließend deutsch, sie hatten mit Abstand die beste materielle Ausstattung. Sie hatten schon im September 1945 das Recht, die Uniform abzulegen und Zivilkleidung zu tragen, was also von den anderen mit Neid beobachtet wurde. Sie durften fraternisieren: Sie hatten ein Schriftstück bei sich, das ihnen genehmigte, jedweden Kontakt zu Einheimischen zu pflegen. Dies haben sie in jeder nur denkbaren Hinsicht auch gemacht. Und die anderen Abteilungen haben dann gesagt: „Das sind ja gar keine echten Amerikaner!“ Sie haben auch versucht, diese Abteilung anzuschwärzen. John Boxer sagte mir: „Das war ein großes Problem. Wir waren die Ausnahme, wir waren das Narrenschiff, wir wurden als die Verrücktenzelle betrachtet. Da wurde immer gesagt, wir seien die Unberechenbaren, die sich nicht an die allgemeinen Regeln halten.“ Die „Information Control Division“ war eine Mischung aus Menschen, die hier im deutschsprachigen Raum aufgewachsen waren, die sich mit dem anderen Deutschland identifiziert hatten, mit der Kulturnation, dann zurückkamen in amerikanischer Uniform. Es waren auch Engländer dabei mit marxistischem Parteibuch, die hier mit großem Engagement in der Pressearbeit tätig waren. Es waren Leute aus der amerikanischen Arbeiterbewegung, die nicht immer konfliktfrei, aber mit zum Teil ganz anderen Vorstellungen als andere Abteilungen der Militärregierung hier ihre Arbeit gemacht haben.


Kontroversen

Das State Department hat dann im Jahr 1947/48 eine Initiative gestartet, um die „suspekten“ Personen der „Information Control Division“ loszuwerden. Man hat gesagt, man habe diese Leute ja nur für den Notfall eingesetzt, weil man eben in den ersten Tagen Sach- und Sprachkompetenz vor Ort gebraucht habe, aberjetzt sei das ja nicht mehr notwendig. Es gab dann eine Sonderkonferenz in Berlin. Und Tagesordnungspunkt dieser Konferenz war der „Cold War“, der Kalte Krieg zwischen „Information Control Division“ und anderen Abteilungen der Besatzungsregierung. Man konnte auf die Sachkompetenz dieser Leute nicht verzichten, man hat sie dann weiter ihre Arbeit machen lassen. Und erst sehr viel später, zu Zeiten von McCarthy, bekamen sie größte Schwierigkeiten. Einer der Leute, die hier bei uns Theodor Heuss zensiert hatten, wurden später in den U.S.A. für immer des Landes verwiesen und von McCarthy aus dem Land gejagt. Die Bedeutung der Mc-Carthy-Zeit für die Änderungen der politischen Kultur der U.S.A. ist überhaupt nicht hinreichend erforscht. Aber die Sonderstellung der „Information Control Division“ führte keineswegs jetzt zu einer ‚pauschalen Hinwendung‘ zu den Einheimischen.


Zweifel an der Unschuld der Deutschen

Emil Stranz, ein Presseoffizier in Heidelberg, hat auf seinen Jeep links und rechts und auf die Kühlerhaube hat er dann draufgeschrieben: „Aber gezwungenl“ Das ist idiomatisch nicht besonders glücklich. Er wollte damit durch die Lande fahren und allen sagen: „Ihr behauptet ja alle, man habe Euch gezwungen.“ Oder Fred Taylor, ein Mormone, der in den 20er und 30er Jahren in Deutschland gewesen war. Er war fasziniert von der kulturellen Vitalität dieser späten 20er Jahre, kam dann zurück als Radiooffizier – er war der wichtigste Mann bei ‚Radio Stuttgart‘. Er muß ein sehr, sehr sympathischer Mensch gewesen sein. Er hat als Zauberkünstler gearbeitet; hat in Kindergärten, Jugendhäusern Kunststückchen vorgeführt und hat immer Banjo gespielt. Es gibt Berichte davon, sein Fahrer hätte ihn durch Stuttgarts Trümmerlandschaft gefahren, er sei hinten im Auto gesessen und hätte amerikanische Folksongs mit dem Banjo zum Besten gegeben. Dieser Fred Taylor hatte in seinem Büro, wo er Einheimische empfing, ein großes Bild des Reichsparteitages. Unter dieses Bild hat er groß geschrieben: „Wir waren ja alle dagegen!“ In roten I.ettern. Und so hat er die Einheimischen empfangen. Sehr freundlich, aber er wollte ihnen durch dieses Bild eine klare Botschaft bringen, daß irgendetwas hier nicht stimmte.


Private Kontakte

Die generelle Skepsis auf Seiten der Einheimischen, aber auch auf Seiten der „Information Control Division“, führte dann allerdings zu sehr intensiven privaten Kontakten dort, wo beide Seiten das Gefühl hatten: das geht. Also vor dem Hintergrund, daß beide Seiten aufeinander angewiesen waren, verschafften dann die Begegnungen, die eben zeigten, daß keineswegs alle Amerikaner einen arroganten Kommandostil pflegen und keineswegs alle Einheimischen verkappte Nazis sind, enorme Erleichterung. Man war froh, wenn man endlich jemand gefunden hatte: „Ach, Mensch, mit denen kann man ja doch arbeiten.“ Es kam dann nicht selten zu geheimnisvollen, konspirativen, sehr engen Kontakten. Aber diese freundschaftlichen Beziehungen galten auf beiden Seiten als unziemlich, als ungehörig. Auch Carlo Schmid berichtet in seinen Erinnerungen lediglich von „unfeinen Behandlungen“, die Amerikaner hätten ihn traktiert und unfair behandelt. Schmid unterschlägt die positiven Kontakte, die er auch hatte zu den Amerikanern. Er sagt: „Na ja, als die Amerikaner in Stuttgart einmarschierten“, da sei er vom Counter Intelligence Corps verhaftet worden. Er sei gleich unter die Kategorie des automatischen Arrests gekommen, und man habe dann erst nach einem Tag festgestellt, daß es sich um ein Mißverständnis gehandelt habe.


Carlo Schmid

Aber es gibt eine ganz andere Seite, die auch bei Heuss und auch bei Carlo Schmid in den Berichten nicht auftaucht: Bereits am 7. Juni 1945 fand hier in Stuttgart in der Villa des Industriellen Scheufelen eine Begegnung der ICD und Mitarbeitern von Carlo Schmid statt. Über diese Begegnung berichten die Zeitzeugen, die dabei waren, in den höchsten Tönen. Es muß also faszinierend gewesen sein. Carlo Schmid hat einen Abend lang philosophiert, die jungen Amerikaner waren begeistert über dieses Füllhorn an Kultur und Sprachwitz. Das war die erste Begegnung. Eine weitere Begegnung folgte. Die gesamte Abteilung der „Information Control Division“ hat sich mit dem Kultministerium in dem Weinörtchen Uhlbach getroffen. Da hat man einen Abend lang getrunken, Carlo Schmid aus seiner Baudelaire-Übersetzung „Fleur du mal“ rezitiert, und die Anwesenden waren begeistert, es wurden Weingläser geschwenkt. Es wurde sogar ein konspiratives Bildchen angefertigt. Das Interessante dabei ist das hier: „Der Geist von Uhlbach – 11. August 1945.“ Am 11. August 1945 wurde hier also gemeinsam gezecht! Dieser Geist von Uhlbach muß ganz faszinierend gewesen sein. Es durfte natürlich nicht herauskommen. Weder die Einheimischen haben das erzählt, noch die Beteiligten der „Information Control Division“, denn das hätte natürlich heftigste Reaktionen ausgelöst. Bei Carlo Schmid finden wir über dieses Erlebnis nichts, auch in den verschiedenen Biographien über Carlo Schmid finden wir dazu nichts.


Theodor Heuss

Bei Heuss ist es ähnlich. Schon Boxer hatte zu Theodor Heuss einen sehr frühen Kontakt, er hat lange nach ihm gesucht und hat ihn schließlich in Heidelberg gefunden. Es wurde dann eine wertvolle Flasche Wein getrunken, weil das das Ehepaar Heuss sagte: „Das ist jetzt das Ende des Tausendjährigen Reiches!“ Man habe so lange auf diesen Moment gewartet, und jetzt sei die Zeit reif, diese Flasche zu trinken. Der Fahrer von John Boxer hat dann versucht, diesen davon abzuhalten, weil er glaubte, der Wein sei vergiftet. Das war der Beginn einer sehr langen Freundschaft zwischen John Boxer und Theodor Heuss. Sie hatten noch viele Jahre engen Briefkontakt. Auch William Sailor hatte engen Briefkontakt zu ihm, aber in den Erinnerungen von Heuss finden wir zu diesem Thema nichts.

Man kann nun versucht sein zu sagen, das sei gewissermaßen so was wie eine „nostalgische Unterschlagung“ von Nachkriegshelden, die schlecht zugeben können, daß sie sich nicht nur zäh gegen Besatzer durchgesetzt haben, sondern sich mit diesen auch sehr gut verstanden und von diesen auch profitierten. Aber eine solche Perspektive wäre natürlich verengt, denn die „Information Control Division“ war innerhalb der amerikanischen Gruppe eine sehr untypische Abteilung. Insoweit appelieren die Schilderungen von Heuss und Schmid nicht nur an das verbreitete Verständnis, daß man mit Amis am besten keine gemeinsame Sache macht, sondern spiegeln eben auch die Ebene der Distanz wider, die gegenüber freundschaftlichen Beziehungen wollten daraus auch gar kein Hehl machen. Warum konnte in diesem schwierigen Geflecht zwischen Nähe und Distanz, zwischen Kooperation und Skepsis, wo sich Leute wie John Boxer und William Sailor immer gefragt haben, „Ja, können wir denen trauen?“ erfolgreich gearbeitet werden? Warum dieses Engagement für eine andere Presse, für anderes Theater, für eine andere Kinolandschaft, für unabhängiges Radio u.s.w? Ein Engagement. das jahrelang dauerte.


Pressegesetz

Gerade im Pressebereich war es außerordentlich schwierig, zu einem vernünftigen Pressegesetz zu kommen, die Amerikaner haben gesagt, „Ach, eigentlich wäre uns kein Pressegesetz am liebsten“, aber es gab halt bereits das deutsche Pressegesetz, und deswegen mußte ein zweites her, das das ablöst. Die Amerikaner waren der Meinung, daß das, was es zu regeln gibt, privatrechtlich geregelt werden könnte. Wenn einer verleumdet werde in der Presse, solle er das über eine Zivilklage machen mit einer hohen Schadensersatzklage, dann regele sich das von allein. Aber konnte man diese amerikanische Version von Pressekontrolle nicht installieren und hat jahrelang gebraucht, um hier zu einer Lösung zu kommen.

Eine These am Schluß. warum das meiner Meinung nach doch zum Erfolg geführt hat: Die „Information Control Division“ hat sich einerseits an amerikanischen Demokratieidealen orientiert. also verkürzt charakterisiert, als „Freiheit vom Staat“ und nicht „Freiheit durch den Staat“ und andererseits am anderen Deutschland, an der Kulturnation, wie sie in Jaspers, in Weber und Thomas Mann usw. symbolisiert gesehen wurde. Innerhalb der „Information Control Division“ gab es nie strafende Besatzungskonzepte. Das wurde da dezidiert abgelehnt. Ursächlich hierfür sind die Biographien der Akteure, bei denen es sich eben ganz überwiegend um Exilanten handelte, die sich eine gewisse Doppelidentifikation zu eigen machten. Sie waren einerseits Neuamerikaner, die auch sehr selbstbewußt versuchten, die amerikanische Mission zu verkünden. Gleichzeitig waren sie aber Europäer geblieben, die im deutschsprachigen Raum aufgewachsen waren und ihrer eigenen Identität zuliebe versuchten, die Kulturnation zu retten.

2 Kommentare zu „liest man nicht überall: von den Tabus aus der Besatzerzeit“

  1. Na, daß hört sich eher nach Kindergeburtstag an…und wie passen die Rheinwiesenlager und Millionen Tote NACH Beendigung des 2 WK bei dieser Posse des Autors dazu?
    Das Hunderttausende deutsche Kriegsgefangeneals Nazi Beute, als Komparsen für KZ Bilder endeten und Hemingway Sie passend in Szene setzte!
    Mir scheint, der Autor schwurbelt seine Vorstellungen.
    Stichwort Nürnberger Prozesse- unter Galgen wächst kein Gras…

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    1. ic h würde sagen, das Geschehen war komplex und mich interessierte vor allem, die Archivarbeit des Autors. Die wäre und ist dringed nötig. DDR Abkömmlinge wären hier besonders aufgerufen, bevor der große russischsprachige Sprachpool in Deutschland wieder von englisch und französisch eingeschlammt wird. In der Archivarbeit gibt es noch große Defizite. Wir bräuchten Historiker, die ihr Wissen weitergeben, wie man Archivarbeit diesbezüglich betreibt und wo die Quellen liegen. Insbesondere die in USA lebenden Deutschen könnten hier einmal Initiative zeigen.

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